20. August 2015

Mit Spenderniere zur Weltmeisterschaft nach Argentinien

Der 28-jährige Christian Carl aus Mechernich gehört zum deutschen Team bei den Weltspielen der organtransplantierten Menschen – Vater Jürgen Carl spendete seinem Sohn eine Niere

Mechernich – Zu welchen sportlichen Leistungen Menschen nach einer Organtransplantation fähig sind, beweist Christian Carl aus Mechernich: Der 28-jährige Betriebswirt hat vor vier Jahren eine Nierenlebendspende seines Vaters erhalten. Damit geht es ihm so gut, dass er an den 20. World Transplant Games – den Weltspielen der Organtransplantierten – teilnimmt. Am morgigen Donnerstag ist Abflug, Austragungsort ist in diesem Jahr Mar del Plata, der beliebteste Badeort Argentiniens.

Im Dezember 2010, zwei Tage vor Weihnachten, änderte sich das Leben des jungen Mannes schlagartig. Weil er sich schlecht fühlte, suchte er seinen Hausarzt auf. Eine Blutuntersuchung ergab katastrophal schlechte Nierenwerte. Ein Kreatinin-Wert von 0,8 bis 1,1 mg/dl gilt als normal, liegt der Wert bei 6 mg/dl, ist bereits eine Dialyse notwendig. Christian Carls Blut jedoch wies zum Zeitpunkt der Untersuchung einen lebensbedrohlich hohen Kreatinin-Wert von 22 mg/dl auf, beide Nieren hatten ihren Dienst quittiert.

Christian Carl (r.) ist aktiver Radsportler beim RSV 1896 Euskirchen. Außerdem läuft der 28-Jährige erfolgreich Halbmarathon. Foto: Privat/pp/Agentur ProfiPress

Christian Carl (r.) ist aktiver Radsportler beim RSV 1896 Euskirchen. Außerdem läuft der 28-Jährige erfolgreich Halbmarathon. Foto: Privat/pp/Agentur ProfiPress

Auf der Intensivstation des Kreiskrankenhauses Mechernich gelang es den Ärzten, seinen Zustand zu stabilisieren, am 23. Dezember wurde die erste Blutwäsche durchgeführt. Zunächst rätselten die Ärzte, was bei dem jungen Mechernicher zum Nierenversagen geführt hatte. Eine Gewebeprobe seiner Niere brachte schließlich die niederschmetternde Gewissheit: Ursache war eine Tablettenvergiftung, eine extrem seltene Nebenwirkung des Medikaments, das Christian Carl wegen einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung einnehmen musste.

Fortan gehörte die Dialyse zum Leben des sportlichen jungen Mannes, der noch wenige Wochen zuvor erfolgreich einen Halbmarathon in Köln absolviert hatte. „Jeden zweiten Tag, fünf bis sechs Stunden lang, eine körperlich so belastende Prozedur, dass er den Rest des Tages völlig erschöpft war“, erinnerte sich Vater Jürgen Carl an die Zeit. Dem 55-jährigen Diplom-Ingenieur, der als Vertriebsleiter bei der Deutschen Mechatronics in Mechernich tätig ist, brach es fast das Herz. „Für einen jungen Mann ist das ein sehr eingeschränktes Leben.“ Zwar kam Christian Carl auf die Liste für eine Organspende, doch würde seine Wartezeit zirka sechs bis acht Jahre betragen. Nach zehn Monaten an der Dialyse nahm Christian Carl das Angebot seines Vaters, ihm eine Niere zu spenden, an.

Was folgte, war ein extrem aufwendiges, gesetzlich vorgeschriebenes Prüfverfahren, das aus mehr als 20 Untersuchungen des Spenders, einem psychologischen Gutachten, das die Freiwilligkeit bestätigt und dem abschließenden Urteil einer Ethikkommission, die sich aus Juristen, Ärzten und Psychologen zusammensetzt, besteht. „Jede einzelne Untersuchung kann das Aus bedeuten“, erinnert sich Jürgen Carl an die nervlich belastende Zeit. Erschwerend kam hinzu, dass Vater und Sohn zwei verschiedene Blutgruppen haben – eigentlich ein Ausschlusskriterium für eine Organtransplantation. Glücklicherweise ist die Uniklinik Köln führend in Deutschland, wenn es um die seltene Nierenspende trotz Blutgruppeninkompatibilität geht.

Dank der Nierenspende seines Vaters Jürgen Carl geht es Christian Carl heute wieder so gut, dass er vom 23. bis 30. August an der Weltmeisterschaft der organtransplantierten Menschen in Argentinien teilnimmt. Foto: Renate Hotse/pp/Agentur ProfiPress

Dank der Nierenspende seines Vaters Jürgen Carl geht es Christian Carl heute wieder so gut, dass er vom 23. bis 30. August an der Weltmeisterschaft der organtransplantierten Menschen in Argentinien teilnimmt. Foto: Renate Hotse/pp/Agentur ProfiPress

Sowohl für die Ärzte und das Pflegepersonal der Uniklinik Köln als auch für das renommierte Mechernicher Nierenzentrum haben Christian und Jürgen Carl nur Worte des Lobes. „Hier wie dort wird Unglaubliches geleistet.“ Das Dialysezentrum am Bleiberg genießt international einen so guten Ruf, dass sich bereits Experten aus Amerika, China und Saudi-Arabien dort informierten.

Trotz einiger weniger Rückschläge, die Christian Carl zu verkraften hatte, sind er und sein Vater dankbar und glücklich, dass die Lebendspende so gut verlaufen ist. Überwunden ist auch die letzte Krise im Jahr 2013, als es Christian Carl sehr schlecht ging. „Die wegen der unterschiedlichen Blutgruppen hochdosierte Immunsuppression hatte Keimen Tür und Tor geöffnet“, so der 28-jährige, der zeitweise auf 40 Kilogramm abgemagert war. Mittlerweile trainieren er und sein Vater wieder regelmäßig beim Radsportverein 1896 Euskirchen.

Darüber hinaus gehört Christian Carl Transdia-Sport Deutschland an, einem Sportverein für Transplantierte, für den er als Radsportler und Läufer vom 23. bis 30. August an der Weltmeisterschaft in Argentinien teilnimmt. „Etwa 1.500 Sportler aus der ganzen Welt sind am Start“, sagt Ulrich Ahammer vom Transdia-Vorstand. Vor zwei Jahren in Südafrika seien es sogar 2.500 Sportler gewesen. Als Sportwart betreut Ahammer das 25-köpfige deutsche Team, dem als jüngstes Mitglied ein zwölfjähriges Tischtennis-Talent aus Schleswig-Holstein angehört. Älteste Teilnehmerin ist eine 68-Jährige.

Mehr als um sportliche Höchstleistungen geht es Transdia-Sport und dem Weltverband darum, das Thema Organspende positiv zu besetzen – eine sensible Angelegenheit, die auch Jürgen und Christian Carl sehr am Herzen liegt. „Durch eine einfache Aktion wie das Ausfüllen eines Organspenderausweises kann so viel Leid gelindert werden“, betont Jürgen Carl.

Im Jahr 2012 hatte sich neben Argentinien und Japan auch Deutschland um die Austragung der diesjährigen Weltspiele beworben, den Zuschlag hat Argentinien erhalten. Ausschlaggebend für die Vergabe ist vor allem, wie im Austragungsland das Thema Organspende kommuniziert wird und welche Bedeutung die Spiele haben. „Es ist extrem wichtig, dass hierzulande mehr Aufklärung zum Thema Organspende betrieben wird“, wünscht sich Jürgen Carl.

pp/Agentur ProfiPress

Print Friendly, PDF & Email



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Autor(in)

Agentur ProfiPress

Ähnliche Artikel

Ähnliche Artikel

Impressum:
Zukunftsinitiative Eifel
Kalvarienbergstraße 1
D – 54595 Prüm