29. Juni 2017

Versöhnliche Worte zum Abschied

Kaller Gemeinderat verabschiedet Bürgermeister Herbert Radermacher offiziell – Reibereien der Vergangenheit mit politischen Widersachern „vergeben und vergessen“

Kall – Es muss ein seltsames Gefühl für Herbert Radermacher gewesen sein. Neuneinhalb Jahre hat er als Bürgermeister der Gemeinde Kall die Ratssitzungen geleitet. Seit dem 1. Mai ist er aber Bürgermeister außer Dienst. Auf Anraten seiner Ärzte hat er mitten in der Legislaturperiode sein Amt niedergelegt. Den öffentlichen Teil der letzten Sitzung vor der Sommerpause hat er mit seiner Ehefrau Edith aus dem Zuschauerbereich am Rande des Ratssaals verfolgt. Radermacher konnte sich ob dieser ungewohnten Sicht auf das Geschehen ein Schmunzeln nicht verkneifen. Sein Stellvertreter Uwe Schubinski leitete die Sitzung souverän.

CDU-Fraktionschef Toni Mießeler hielt die offizielle Laudatio auf seinen Freund Herbert Radermacher. Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

Dennoch stand Radermacher am Ende der Sitzung noch einmal im Mittelpunkt. Der Rat verabschiedete sich offiziell vom Verwaltungschef. Und dabei wurde eines deutlich: Die Kaller Politiker können sich offenbar nicht nur gut zanken, sondern auch genauso gut vertragen. So sprach SPD-Fraktionschef Erhard Sohn so manchen Zoff und manche Reiberei an, die er und seine Genossen sich mit dem Bürgermeister erlaubten, kommt aber zu dem Schluss: „Wir hatten nicht immer den gleichen Weg, aber immer das gleiche Ziel: Kall nach vorne zu bringen.“ Von den „Roten“ gab es dafür einen „Roten“ für Radermacher – so sagte es Sohn beim Überreichen der Weinflasche.

„Sie hinterlassen große Fußabdrücke“

Noch deutlicher wurde Grünen-Chef Ekkehard Fiebrich. „Wir haben uns in der letzten Zeit gefunden. Unser politisches Verhältnis war holprig, das lag manchmal auch an meiner Sturheit“, gab der Sistiger offen zu und ergänzte lachend: „Jetzt haben wir uns aneinander gewöhnt und jetzt gehen sie!“ Am Ende hatte er noch ein großes Lob für Radermacher übrig, der sichtlich gerührt war: „Sie hinterlassen große Fußabdrücke“, und mit Blick auf die anwesenden Bürgermeisterkandidaten Hermann-Josef Esser (CDU) und Rolf Schneider (FDP): „Derjenige, der die füllen kann, muss noch gefunden werden.“

Der stellvertretende Bürgermeister Uwe Schubinski überreichte Herbert Radermacher im Namen des Rates eine Uhr als Geschenk. „Duz ich Sie oder siez ich dich?“, fragte sich Radermachers CDU-Parteifreund und blieb dann beim Du. Die Uhr solle nicht die Zeit, die vergangenen ist, symbolisieren. „Die Uhr fängt heute an zu ticken für deinen Ruhestand. Es ist Zeit für dich, die Dinge zu unternehmen, für die du bisher keine Zeit hattest.“

Grünen-Fraktionschef Ekkehard Fiebrich (r.) sprach über das zu Beginn „holprige Verhältnis“ zu Herbert Radermacher und hatte dann nur lobende Worte für ihn übrig. Foto: Alice Gempfer/pp/Agentur ProfiPress

FDP-Fraktionschef Dr. Wolter reihte sich ebenfalls in die Reihe der Gratulanten ein: Er attestierte Radermacher, dass er nach zwei Monaten Ruhestand schon gesünder aussehe und dass der Rücktritt zum richtigen Zeitpunkt erfolgt sei, um nun Kraft zu tanken. Auch sein Gruß endete mit friedvollen Worten: „Am Ende wird alles gut.“

Die Ehre, die Laudatio auf seinen Freund Herbert Radermacher zu halten, hatte CDU-Fraktionschef Toni Mießeler. Unter Radermachers Führung habe sich Kall so gut entwickelt wie kaum eine Gemeinde in der Region, er habe eine Zukunftsvision mit realistischem Hintergrund verfolgt, die Gemeinde für Investoren attraktiv gemacht, sie in geordneten finanzielle Verhältnissen hinterlassen. Radermacher habe immer Interesse gezeigt, „deinen Gesprächspartnern hast du Löcher in den Bauch gefragt“. Er habe viele Probleme gelöst, immer an die Senioren gedacht, die sozial oft schlecht gestellt sind, genauso an die Kinder. „Du hast deine Kraft ohne Abstriche dem Wohl der Gemeinde gewidmet, warst mit Leib und Seele Bürgermeister, ein echter Glücksfall für Kall und wirst in die Geschichte der Gemeinde eingehen“, ist sich Toni Mießeler sicher.

Ein weiterer politischer Gegner, mit dem sich Herbert Radermacher mittlerweile ausgesöhnt hat, ist SPD-Fraktionschef Erhard Sohn (r.) Foto: Thomas Schmitz/pp/Agentur ProfiPress

Radermacher selbst war sichtlich stolz. Auf das Geschenk des Rates kam er mit den Worten „Ich habe in den vergangenen zwei Monaten erfahren dürfen, dass der Faktor Zeit kostbar ist, das ist ein ganz anderes Gefühl.“ Dass der Rat ihn im intimen Kreis, mit „einem kleinen feinen Akt und nicht mit großem Rums in der Bürgerhalle“ verabschiedete, fand er prima. Und auch Radermacher schloss Frieden mit seinen politischen Widersachern: „Ich war nicht immer mit Ihnen kompatibel, aber jetzt ist alles vergeben und vergessen.“

pp/Agentur ProfiPress

 

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