12. August 2016

Euskirchen am Puls der Zeit

Kunstprojekt von Rolf A. Kluenter begleitet Eröffnung der Autismus-Ambulanz des Heilpädagogischen Zentrums (HPZ) „Lebenshilfe“ im Euskirchener „Quartier City Süd“ – Mit Zeitrafferaufnahmen und Interviews entsteht eine Mischung aus Poesie und Dokumentation, die Inklusion, das Zusammenleben behinderter und nichtbehinderter Menschen, in der Stadt Euskirchen als die normalste Sache der Welt darstellt – HPZ-Chef Rolf K. Emmerich: „Vieles geht nur gemeinsam“ – Ausstellung im Kulturhof geplant – Auch Landrat Günter Rosenke, Bürgermeister Dr. Uwe Friedl und Ehrenbürgermeister Josef C. Rhiem vor der Kamera

Euskirchen Menschen mit und ohne Handicap wohnen Tür an Tür. Unter ihrem Dach befindet sich demnächst auch die zentrale Autismus-Ambulanz für den Kreis Euskirchen. Und das in unmittelbarer Nähe zu Bahnhof und Busbahnhof Euskirchen, sozusagen im Herzen der Kreisstadt und mit Blick über ganz Euskirchen.

Träger ist das Heilpädagogische Zentrum „Lebenshilfe-HPZ gGmbH“ mit Hauptsitz in Bürvenich (Stadt Zülpich). „Vieles geht nur gemeinsam“, sagt dessen Chef, Rolf K. Emmerich. Für ihn ist der Umstand, der mit dem Modewort „Inklusion“ belegt ist, seit Kindesbeinen die normalste Sache der Welt: Behinderte und Nichtbehinderte gehören zusammen und leben zusammen.

Künstler Rolf A. Kluenter (v. l.), der Bürvenicher Lebenshilfe-Chef Rolf K. Emmerich und die Heimleiterin Manuela Dejonghe während der Dreharbeiten im „Quartier City Süd“ Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Künstler Rolf A. Kluenter (v. l.), der Bürvenicher Lebenshilfe-Chef Rolf K. Emmerich und die Heimleiterin Manuela Dejonghe während der Dreharbeiten im „Quartier City Süd“ Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Am 1. September werden acht Wohnungen von Menschen mit Autismus im funkelnagelneuen „Quartier City Süd“ der Eugebau (Euskirchener Baugesellschaft mbH) bezogen. Am 1. Oktober öffnet die zentrale Autismus- Ambulanz des HPZ „Lebenshilfe“, das mit Schwestergesellschaft auch für die Autismus-Ambulanzen im Kreis Düren und im Rhein-Erft-Kreis verantwortlich zeichnet und ständig rund 200 Autisten begleitet und therapiert.

„Die Therapie besteht im Wesentlichen im Erkennen kritischer Situationen und im Erlernen von Bewältigungsstrategien im Alltag“, so Volker Eßer, der Leiter der Autismus-Ambulanzen mit zurzeit zehn Therapeuten. Am schwierigsten zu erkennen seien atypische Formen von Autismus.

Der Künstler Rolf A. Kluenter bei der Arbeit: Er porträtiert das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Handicap. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Der Künstler Rolf A. Kluenter bei der Arbeit: Er porträtiert das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Handicap. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Bekannter und zahlenmäßig häufiger treten frühkindlicher Autismus (Kanner-Syndrom) und Autisten mit dem häufig von Spezialbegabungen und hoher Intelligenz begleiteten Asperger-Syndrom auf. Autismus wird von der Weltgesundheitsorganisation zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen gerechnet. Es handelt sich um eine angeborene, unheilbare Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung des Gehirns. Sie wird längst nicht immer erkannt.

„Einer von hundert“, so Volker Eßer, sei betroffen: „Auf dem Eifeldorf sagt man »Der öss komisch, unn der Vatter war och att komisch«, aber in der Stadt fallen Autisten eher auf, ihre Defizite werden erkannt und beizeiten therapiert.“ Es müsse allerdings nicht jeder Autist behandelt werden, so Eßer: „Wer 40 Jahre mit seinen Schwierigkeiten parat gekommen ist, dem müssen wir nichts mehr beibringen.“ Anderen sei es allerdings eine Riesenhilfe, wenn man mit ihnen in der Ambulanz Strategien und Verhaltensmuster herausfinde und einstudiere.

Die autistische Künstlerin Heike Giesen steht vor Rolf A. Kluenters Kamera. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Die autistische Künstlerin Heike Giesen steht vor Rolf A. Kluenters Kamera. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Menschen mit und ohne Handicaps vor die Kamera geholt

Passend zum Inklusionsprojekt, für das Rolf K. Emmerichs „Lebenshilfe“ insgesamt steht, entwickelt der aus Bürvenich stammende und halb und halb im elterlichen Bauernhof und in einem Wolkenkratzer der chinesischen Metropole Shanghai mit Familie lebende Künstler Rolf A. Kluenter seit 2012 Kunstprojekte und Performances, bei denen er Menschen mit und ohne Handicaps vor die Kamera holt.

2014 vor allem machten Kluenter und Mitstreiter – darunter auch professionelle Schauspielerinnen sowie die Bürvenicher Dorfbevölkerung und Vereinswelt – mit dem multimedialen Projekt „Kleiner Kosmos Felsenkeller“ auf sich aufmerksam. Auch damals ging es um Inklusion und Gleichberechtigung rund um einen alten Bierkeller, in dem die Bürvenicher Bevölkerung in der Endphase des Zweiten Weltkriegs Schutz und Unterschlupf gefunden hatte.

Rolf A. Kluenter porträtiert den autistischen Künstler Stephan Albach vor dessen Hinter-Glas-Malerei, die einen Zug darstellt, im Gemeinschaftsraum der Autismus-Ambulanz. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Rolf A. Kluenter porträtiert den autistischen Künstler Stephan Albach vor dessen Hinter-Glas-Malerei, die einen Zug darstellt, im Gemeinschaftsraum der Autismus-Ambulanz. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Mit dem Kunstprojekt, das von mehreren Ausstellungen, unter anderem im Felsenkeller selbst, in der Kreissparkasse Zülpich und auf der Landesgartenschau begleitet wurde, erarbeiteten der Kunstfilmemacher Kluenter, Rolf Emmerich und seine Schützlinge, professionelle Akteure und Bürvenicher Bürger ein eindrucksvolles künstlerisches Zeugnis vom seit Jahrzehnten erprobten Miteinander von Behinderten und Nichtbehinderten auf dem Dorf.

„Was wir in Bürvenich begonnen haben, setzen wir jetzt mit dem Kunstprojekt »Puls« in Euskirchen konsequent fort“, so Kluenter im Gespräch mit Journalisten: „So wie das »Quartier City Süd« selbst, so stellt auch das neuerliche Kunstprojekt »Puls« das Zusammengehen und Zusammenleben von Menschen mit und ohne Handicaps heraus, aber diesmal eben im pulsierenden Herzen einer modernen Kreisstadt.“

Volker Eßer, Leiter der Autismus-Ambulanzen, wird interviewt. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Volker Eßer, Leiter der Autismus-Ambulanzen, wird interviewt. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

„24 Stunden New York war einmal, ich zeige 365 Tage Euskirchen“

Dafür will Kluenter eine Menge Leute vor die Kamera holen. Interviews mit Lebenshilfe-Aufsichtsrat, Ex-Vize-Landrat und Zülpichs Altbürgermeister Josef C. Rhiem und mit Landrat Günter Rosenke hat er schon auf Zelluloid gebannt, die Zusage von Euskirchens Bürgermeister Dr. Uwe Friedl zu Dreharbeiten liegt vor. Er unterstützt die Kunstaktion Kluenters herzlich. Rolf K. Emmerich, Quartier-Architekt Sven Möller und Eugebau- Geschäftsführer Oliver Knuth haben auch schon vor der Kamera gestanden. Ebenso der Diakon Manni Lang, den Kluenter die „Sieben Todsünden“ als Phänomene des sogenannten Zeitgeistes replizieren lässt.

Seit dem 1. August hat Rolf A. Kluenter Zeitrafferaufnahmen vom Bahnhof und der erwachenden Stadt aufgenommen, aber auch Interviews und Artisten in Aktion. Die magische beziehungsweise heilige Zahl „Sieben“ soll in den Filmproduktionen, die immer Dokumentation, aber auch Poesie sein sollen, eine große Bedeutung bekommen.

Rolf K. Emmerich, Chef der Lebenshilfe HPZ, zeigt die Pläne für die Autismus-Ambulanz. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Rolf K. Emmerich, Chef der Lebenshilfe HPZ, zeigt die Pläne für die Autismus-Ambulanz. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

„24 Stunden New York, Berlin oder London, das ist alles schon in Filmproduktionen verarbeitet worden, aber ich will 365 Tage, ein ganzes Jahr Euskirchen zeigen“, kündigte Rolf A. Kluenter der Presse an. Er hat bereits einen gehandicapten Jongleur und autistischen Maler vor die Kamera geholt, die im künftigen Gemeinschaftsraum des Wohnkomplexes „Quartier City Süd“ die Fensterscheiben mit Bahnhofs- und Naturmotiven bemalen.

Kluenter will auch Bezug nehmen zur Siebenzahl in profanen Zusammenhängen: „Sieben Berge, sieben Zwerge, sieben Wochentage . . .“, aber auch im geistlichen Kontext: „Die sieben Worte Jesu am Kreuz, die sieben Schmerzen Marias . . .“ Als Vorbild für die Videoinstallation im Kulturhof Euskirchen dient dem Künstler ein Gemälde von Hieronymus Bosch, das Christus in den Mittelpunkt stellt.

Die Euskirchener gemeinnützige Baugesellschaft (Eugebau) hat das Gebäude „City Süd“ errichtet. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Die Euskirchener gemeinnützige Baugesellschaft (Eugebau) hat das Gebäude „City Süd“ errichtet. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Kluenter bezeichnet sich selbst als „Buddhist, der aus Liebe zu meiner Mutter nie aus der katholischen Kirche ausgetreten ist“. Er will in den Filmen unter anderem sieben Klienten der „Lebenshilfe“ aus der Autismus-Ambulanz zu Wort kommen lassen, sieben Leute des Heilpädagogischen Zentrums, die sich um sie kümmern und sieben selbst nicht von Behinderung betroffene Euskirchener Bürger oder auch „normale“ Bewohner des „Quartiers City Süd“.

Poetische Dokumentation auf sieben plus einem Bildschirm

Zeigen will Kluenter seine poetische Dokumentation ab September 2017 auf sieben parallel geschalteten Bildschirmen im Wechselausstellungsraum des Kulturhofes, Wilhelmstraße. Auf einem achten Bildschirm sollen die Interviews laufen. Die Monitore stiftet Heinrich Urfey (Euronics). In den Ecken des Raumes will der Künstler Standfotos aus der Kreisstadt installieren, auf den Wänden Textfragmente. Mit der Leiterin des Euskirchener Stadtmuseums, Dr. Heike Lützenkirchen, steht der Künstler seit einem Jahr im regelmäßigen Austausch. In zahlreichen Besprechungen, die das nun fortlaufende Kunstprojekt „Puls“ begleiten, bereiten Rolf A. Kluenter und Heike Lützenkirchen die Ausstellung vor.

Rolf K. Emmerich (l.) und Rolf A. Kluenter posieren vor dem City-Süd-Gebäude, das von der Euskirchener gemeinnützigen Baugesellschaft (Eugebau) errichtet wurde. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Rolf K. Emmerich (l.) und Rolf A. Kluenter posieren vor dem City-Süd-Gebäude, das von der Euskirchener gemeinnützigen Baugesellschaft (Eugebau) errichtet wurde. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Das von der Eugebau an der Vogelrute unmittelbar in Bahnhofsnähe errichtete Gebäude ist ein multifunktionales Mehrgenerationenhaus mit einem viergruppigen Kindergarten, 14 öffentlich geförderten Wohnungen von 38 bis 89 Quadratmetern Größe, dem dazu gehörenden Gemeinschaftsraum und der beschriebenen Autismus-Ambulanz. Das gesamte Gebäude wird barrierefrei errichtet und erhält zwei getrennte Eingänge für den Kindergarten und das Wohngebäude.

Für Rolf Emmerich, den Geschäftsführer der Lebenshilfe HPZ, erfüllen sich mit dem Bezug des „KiCiS“, so der Name des Projektes im Rahmen der großen Quartierentwicklung „City Süd“, zwei große und seit langem ins Auge gefasste Vorhaben. Denn zum einen entspricht die eingestreute Verteilung der Wohnungen im Gebäude dem von der Lebenshilfe HPZ getragenen Inklusionsgedanken. Zum anderen ermöglicht die zukünftige Autismus- Ambulanz kurze Wege zu Behörden und Schulen und damit direkte Absprachen beispielsweise mit den Lehrern der von der Lebenshilfe HPZ betreuten Schüler, die in der Kreisstadt zur Schule gehen.

Die Therapeutin Ute Keils spiegelt sich in dem Werk, das der autistische Künstler Stephan Albach aus Zülpich auf Glas gemalt hat. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Die Therapeutin Ute Keils spiegelt sich in dem Werk, das der autistische Künstler Stephan Albach aus Zülpich auf Glas gemalt hat. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

„Das ist ein echter Standortvorteil auch in Krisensituationen“, so Emmerich. Seit 2007 befindet sich die Autismus-Ambulanz für den Kreis Euskirchen in Bürvenich, umso mehr freue man sich nun über den „direkten Draht“ in der Kreisstadt. Gute Erfahrungen macht die Lebenshilfe HPZ bereits mit dem Therapiezentrum für Menschen mit Autismus in Bürvenich, der Autismus- Ambulanz in der Brühler Innenstadt sowie in Schleiden und Düren.

pp/Agentur ProfiPress




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