11. Juli 2016

Maximal lustig in die ELF-Sommerpause

Erzählungen über Moors Kindheit in der Schweiz trieben den knapp 600 Besuchern die Lachtränen in die Augen

Wittlich – Schon zweimal hat Max Moor Geschichten aus seinem Leben mit zum Eifel-Literatur-Festival gebracht. Es waren die, in denen der gebürtige Schweizer seine Erfahrungen als Zugezogener und Öko-Bauer in der neuen Heimat Brandenburg aufarbeitete. Nun aber hat er ein Buch über die Schweiz im Gepäck.

„Warum schreibt einer, der weggegangen ist, über da, wo er herkommt?“ Diese Frage nimmt der Autor zu Beginn der Lesung gleich selbst vorweg, bevor sie ihm aus dem knapp 600-köpfigen Publikum zufliegen kann. Und er beantwortet sie auch gleich: „Jetzt, nach 13 Jahren ist mir die Schweiz so fremd, wie mir Brandenburg nie sein kann.“ Diese Entfremdung habe die Neugier geweckt, die eigenen Wurzeln zu erforschen: „Woher kommst du eigentlich?“

Moor, als 1958 Geborener, entstammt der Zeit, als die Schweiz zwischen Angst vor einem Atomkrieg, Fortschrittsglauben, aber auch konservierter Rückständigkeit, beispielsweise im fehlenden Frauenwahlrecht, pendelte. Diesen ambivalenten 1960er Jahren nähert er sich als Autor aus der Perspektive des Jungen „Dietr“, der er damals war. Ein Kunstgriff, denn die naive Sichtweise des Kindes ist frei, das Seltsame als seltsam zu benennen. Und gleichzeitig bezieht sie die Leser – oder in diesem Fall die Hörer – von heute in die unmittelbare Wahrnehmung der Zeit und Gegebenheiten mit ein.

Max Moor bei seiner Lesung im Rahmen des Eifel-Literatur-Festivals im Cusanus-Gymnasium in Wittlich. Foto: Harald Tittel/ELF/pp/Agentur ProfiPress

Max Moor bei seiner Lesung im Rahmen des Eifel-Literatur-Festivals im Cusanus-Gymnasium in Wittlich. Foto: Harald Tittel/ELF/pp/Agentur ProfiPress

Das gelingt umso authentischer als Moor auch die Schweizer Sprache bemüht, zu der er zuvor eine höchst amüsante „Gebrauchsanweisung“ liefert. Weil er deutlich artikuliert und hervorragend betont, lässt es sich ins Schweizerische gut einhören, und dann wird die Lesung zum großen Vergnügen. Moor erzählt, wie er sich als kleiner Junge die Schweiz als riesengroßes Land vorgestellt habe, dessen Schönheiten er alle kennenlernen wollte. Welchen praktischen Hürden dieses Vorhaben allerdings ausgesetzt war, schildert er mit viel Liebe zu Details und Abschweifungen in köstlichen Anekdoten.

Da geht es beispielsweise um den sonntäglichen Ausflug im perlweißen VW-Käfer, bei dem Vatti die Gotthard-Serpentinen in bester Rennfahrermanier nehmen will. „Das Muatti“ auf dem „Todessitz“ erleidet dabei eine Beinahe-Kollision mit dem Felsen. Ein anderes Mal will die Familie den Pass erwandern. Regenwetter zieht auf, und Klein-Dietr muss einen dramatischen Kampf mit seiner undichten, den Blick hemmenden und die Regengeräusche verstärkenden Regenpelerine ausfechten. Der Vortrag dieses Erlebnisses ist der ultimative Höhepunkt der Lesung. Hier läuft der ausgebildete Schauspieler Moor zu mimischer Hochform auf. Das Publikum durchleidet mit ihm die erlittenen Unbillen, als handele es sich um den Kampf auf Leben und Tod in einer griechischen Tragödie. Dabei entwickelt sich zudem so viel Situationskomik, dass die Zwerchfelle bis zur Schmerzgrenze strapaziert werden. So banal der Kern des Erzählten, so gelungen ist die Überhöhung, die Moor mit seiner pointierten Sprache und seinem darstellerischen Talent hinbekommt.

Schön zudem, dass die Geschichten, obwohl in einem anderen Land und einem individuellen Schicksal angesiedelt, viele Identifikationsmöglichkeiten bieten. Situationen, wie die eines elterlichen Streits im Auto um Fahrkünste des einen und Kartenlese-Fähigkeiten der anderen, haben viele Zuschauer in ihrer Kindheit selbst erlebt. Sonntägliche Ausflüge, bei denen es Kindern auf der Autorückbank schlecht wurde oder sie viel zu schwere Rucksäcke auf viel zu langen Wanderungen schleppen mussten, ebenfalls. Moor bietet seinem Publikum mit vollendeter Vortragskunst beste Unterhaltung, Rückblick in die eigene Vergangenheit und mit leisen philosophischen Anflügen auch ein bisschen Stoff zum Nachdenken. Etwas Melancholie färbt den Schluss, der Klein-Dietr desillusioniert zurücklässt, nachdem er einen Globus betrachtet hat. Denn nun ist klar, die Schweiz ist nicht die Welt, sondern nur ein ganz kleiner „Nasenbög“.

Mit viel Applaus endet diese wohl längste Lesung des Literaturfrühlings beim Eifel-Literatur-Festival, das bereits jetzt schon insgesamt 7.500 Menschen begeistert hat.

ELF/pp/Agentur ProfiPress




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