4. Juni 2016

Das langsame Abgleiten in den Terrorismus

Bestseller-Autorin Tanja Kinkel präsentierte ihrem Publikum bei der Lit.Eifel-Lesung in der Firmenicher Zikkurat ein packendes Drama – In ihrem Roman „Schlaf der Vernunft“ erforscht sie die politischen Verwicklungen um die RAF und die Frage, ob es eine Schuld gibt, die verjährt

Mechernich-Firmenich – Wenn Geschichten durch brillante Erzählkunst einen Sog entwickeln, dem man sich als Leser nicht zu entziehen vermag, der Autor selbst dann noch die Kunst des Vorlesens beherrscht und seine Zuhörer am Ende an der Entstehung des Werks und der Entwicklung seiner Figuren teilhaben lässt, dann wird ein Leseabend zu einem ganz besonderen Erlebnis. So geschehen am Donnerstagabend, wo im Laufe der Lit.Eifel-Lesung mit Bestseller-Autorin Tanja Kinkel in der Churchill-Lounge der Firmenicher Zikkurat durch den überaus spannenden Dialog mit einem aufmerksamen Publikum große Nähe entstand.

Für das Publikum in der Firmenicher Zikkurat wurde die Lit.Eifel-Lesung mit Bestseller-Autorin Tanja Kinkel zu einem ganz besonders faszinierenden Erlebnis. Foto: Claudia Hoffmann/pp/Agentur ProfiPress

Für das Publikum in der Firmenicher Zikkurat wurde die Lit.Eifel-Lesung mit Bestseller-Autorin Tanja Kinkel zu einem ganz besonders faszinierenden Erlebnis. Foto: Claudia Hoffmann/pp/Agentur ProfiPress

Maßgeblich hatte auch das stimmungsvolle Ambiente Anteil am Gelingen des Abends, ebenso die Tatsache, dass der in der Zikkurat arbeitende Bildhauer Hermann J. Kassel eigens für den Abend sein gegenüberliegendes Atelier geöffnet hatte und die Lit.Eifel-Besucher so die Lesung mit einem Atelierbesuch verknüpfen konnten. „Absolut wiederholungswürdig“, fand Kassel die Kombination von Kunst und Literatur, und auch Tanja Kinkel zeigte sich vom Lesungsort begeistert: „In einem Bildhauer-Atelier habe ich noch nie gelesen.“

Mit „Schlaf der Vernunft“ hat sich die Autorin, die im Alter von 19 Jahren ihren ersten von mittlerweile 18 Romanen geschrieben hat zum zweiten Mal auf ein für sie eher ungewöhnliches Terrain gewagt. Sie hat sich keinem historischen Stoff verschrieben, sondern einem zeitgeschichtlichen – dem Deutschen Herbst 1977. Kinkel erforscht die politischen Verwicklungen um die RAF und die Frage, ob es eine Schuld gibt, die verjährt.

Überaus spannend fand auch Mechernichs Bürgermeister Dr. Hans-Peter Schick den Romanstoff, zumal er die Zeit des Deutschen Herbstes als politisch engagierter, junger Gymnasiast erlebt hatte. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Überaus spannend fand auch Mechernichs Bürgermeister Dr. Hans-Peter Schick den Romanstoff, zumal er die Zeit des Deutschen Herbstes als politisch engagierter, junger Gymnasiast erlebt hatte. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Die Rahmenhandlung spielt 1988 in Kinkels Heimatstadt Bamberg. Dort hat die dreißigjährige Angelika Limacher, verheiratet und Mutter zweier kleiner Söhne, seit zwei Tagen einen Brief von der Justizvollzugsanstalt auf ihrem Schreibtisch liegen, den sie sich nicht zu öffnen traut. „Es war keine Todesnachricht. Ganz gewiss war es keine Todesnachricht. Sie musste den Brief schon deswegen öffnen, um diesem albernen Gedanken ein Ende zu setzen. Lies, befahl sie sich. Das wenigstens schuldest du ihr. Lies den Brief“, beginnt der Roman. Ihre Mutter, die ehemalige RAF-Terroristin Martina Müller, in den Medien auch „das Biest von Nürnberg“ genannt, sollte zeitgleich mit der RAF-Auflösung, begnadigt werden. Angelika war acht, als ihre Mutter sie bei den Großeltern zurückließ und in den Untergrund ging und elf, als die Mutter nach einem Attentat auf einen Staatssekretär, bei dem vier Menschen getötet und einer schwer verletzt wurde, ins Gefängnis kam.

Angelika erinnert sich noch gut daran, wie sich ihr Großvater noch bis zum letzten Tag an die Version des lieben Mädchens geklammert hatte, das gezwungen worden sein musste, ehe er in die Demenz abglitt. Und an die Parolen, mit denen sich ihre Mutter bei den Besuchen im Gefängnis gegen ihre Vorwürfe verteidigt hatte, als wäre Angelika eine Journalistin. Dann hatte ihre Mutter jeden Kontakt zu ihr abgebrochen. Und jetzt, zwanzig Jahre später, forderte der Gefängnisgeistliche sie in dem Brief auf, sich um ihre Mutter zu kümmern.

„Rein rechnerisch müssten Sie doch bestimmt gerade schon wieder an einer neuen Romanidee arbeiten“, vermutete Lit.Eifel-Vorsitzende Margareta Ritter angesichts des enormen Schreipensums von Tanja Kinkel schmunzelnd. „Stimmt“, bestätigte die Autorin lachend, durfte hier aber natürlich nicht allzu viel verraten. Nur so viel: „Winnetou“ war das erste Buch, das sie als Kind gelesen hat. Und so findet sich eine ihrer neuen Kurzgeschichten im Band „Karl May und Fantasy“, der im Herbst diesen Jahres erscheinen wird. Foto: Claudia Hoffmann/pp/Agentur ProfiPress

„Rein rechnerisch müssten Sie doch bestimmt gerade schon wieder an einer neuen Romanidee arbeiten“, vermutete Lit.Eifel-Vorsitzende Margareta Ritter angesichts des enormen Schreipensums von Tanja Kinkel schmunzelnd. „Stimmt“, bestätigte die Autorin lachend, durfte hier aber natürlich nicht allzu viel verraten. Nur so viel: „Winnetou“ war das erste Buch, das sie als Kind gelesen hat. Und so findet sich eine ihrer neuen Kurzgeschichten im Band „Karl May und Fantasy“, der im Herbst diesen Jahres erscheinen wird. Foto: Claudia Hoffmann/pp/Agentur ProfiPress

Die Mutter-Tochter-Beziehung ist einer von insgesamt vier Erzählsträngen. Nicht nur Angelika, die sich der Begegnung mit ihrer Mutter schließlich stellt und Martina Müller selbst, deren Abgleiten in den Terrorismus in langen, geschickt montierten Rückblenden rekonstruiert wird. Auch die Opfer kommen zu Wort. Denn es sei ihr wichtig gewesen, dass sie das gleiche erzählerische Gewicht erhalten wie die Täter und nicht nur erwähnt werden, erzählte Kinkel. So fasste sie den Entschluss, den Politiker Michael Werder, Sohn des getöteten Staatssekretärs und den Journalist Alex Gschwindner, Sohn des getöteten Chauffeurs, als zentrale Figuren zu installieren.

Es sind persönliche, zum Teil weit zurückliegende Erinnerungen, die letztlich zur Entstehung des Romans geführt haben, gab Kinkel vor dem gebannt lauschenden Mechernicher Publikum preis. Denn die Ereignisse selbst habe sie ja als Erwachsene nicht erlebt. Die Erinnerungen an die grobkörnigen Fahndungsplakate, die „damals in jeder Bank, in jeder Postfiliale aushingen, bei denen man zusehen konnte, wie nach und nach die Gefassten ausgestrichen wurden“, sind bis heute allerdings sehr präsent. Damals sei es ihr abenteuerlich, fast wie in einem Western vorgekommen, aber der Ernst dahinter war ihr schon bewusst.

Vor und nach der Lesung hatten die Lit.Eifel-Besucher Gelegenheit zum Atelierbesuch bei Bildhauer Hermann J. Kassel (Mitte). Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Vor und nach der Lesung hatten die Lit.Eifel-Besucher Gelegenheit zum Atelierbesuch bei Bildhauer Hermann J. Kassel (Mitte). Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Und es gab noch eine zweite Initialzündung, deren Wurzel in ihrer Kindheit liege. Ein guter Freund ihrer Eltern, Dr. Hans de With, war in dieser Zeit Parlamentarischer Staatssekretär im Justizministerium: „Er gehörte damit zum Kreis der gefährdeten Personen, was bedeutete, dass die de Withs plötzlich nicht mehr normal zu Besuch kommen konnten, nicht einmal zum Grillen, ohne dass vorher Personenschützer die Sicherheitslage auskundschafteten.“

Zwei Jahre braucht Tanja Kinkel für einen Roman, eineinhalb Jahre davon recherchiert sie „in besonderer Weise genau“, wie Schirmherrin Margareta Ritter, die an der Seite von Mechernichs Bürgermeister Dr. Hans-Peter Schick die Lit.Eifel-Veranstaltung mit warmherzigen Grußworten eröffnet hatte, treffend lobte. Im Falle von „Schlaf der Vernunft“ bedeutete das für Tanja Kinkel nicht nur die Arbeit in der Bibliothek, sondern auch die Auseinandersetzung mit Tonbändern, Zeitungsberichten, Pamphleten und Bildmaterial. Als sie im persönlichen Gespräch erlebte, welche traumatischen Folgen die Begegnung mit dokumentarischem Filmmaterial, hier konkret Film „Der Baader-Meinhoff-Komplex“, bei den Angehörigen der Opfer haben kann, war ihr klar, dass sie ihre Figuren erfinden muss. Martina Müller ist also eine fiktive Figur, aber ihr Werdegang ist zusammengesetzt aus Bestandteilen verschiedener realer Leben. „Es ist nicht so, dass das, was ich schreibe als Apologie verstanden werden soll“, erklärte Kinkel. Sie habe auch ihre Protagonistin nicht eindimensional zeigen wollen, sondern auch, dass für die RAF-Terroristin „eine emotionale Logik dahinter steckt, dass sie aber zu jedem Zeitpunkt die Wahl gehabt hat.“

Mit „Schlaf der Vernunft“ hat sich Tanja Kinkel auf ein für sie eher ungewöhnliches Terrain gewagt: keinen historischen, sondern einen zeithistorischen Roman. Foto: Claudia Hoffmann/pp/Agentur ProfiPress

Mit „Schlaf der Vernunft“ hat sich Tanja Kinkel auf ein für sie eher ungewöhnliches Terrain gewagt: keinen historischen, sondern einen zeithistorischen Roman. Foto: Claudia Hoffmann/pp/Agentur ProfiPress

Es war der ehemalige Bundesjustiz- und Bundesaußenminister Klaus Kinkel – mit dem Tanja Kinkel übrigens weder verwandt noch verschwägert ist –, der sie bei ihren umfangreichen Recherchen unterstützte und sie Gesprächsprotokolle mit RAF-Terroristen lesen ließ. Verändert man sich gefühlsmäßig beim Schreiben, entwickelt man vielleicht sogar ungeahnte Sympathien? „Das kann durchaus eine verstörende Erfahrung sein, aber um glaubwürdig zu schreiben, muss man sich hineinversetzen können.“

Ist sie immer die Strippenzieherin ihrer Figuren, oder entwickeln sie im Laufe des Schreibens eine ungeahnte Eigendynamik? „Das ist von Roman zu Roman unterschiedlich“, berichtete Kinkel. In historischen Romanen müsse man sich oft für die Plausibilität entscheiden, da man die Figuren nur eingeschränkt an zeitlichen Ereignissen verankern könne. Und man müsse sich trauen, auch sympathischen Figuren Vorurteile der Zeit in den Mund zu legen. Wenn Tanja Kinkel schreibt, dann von morgens bis abends. Aber nicht sofort. Denn selbst wenn sie die Idee hat und auf wundersame Weise sofort alle Fakten zusammen hätte, könne sie trotzdem nicht sofort beginnen. Denn die Figuren müssen sich erst entwickeln. Nicht auf dem Papier, in ihrem Kopf. Die Rohfassung korrigiert sie selbst mehrere Male durch, nach der Familie ist die Lektorin ihrer erste Leserin, mit der sie ihrem Buch in engem Dialog den Feinschliff gibt. „Und wenn ich dann das Gefühl habe, es an die Wand schmeißen zu müssen, dann ist das Buch fertig“, lachte Kinkel.

pp/Agentur ProfiPress

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