11. Dezember 2014

„Die Vernunft ist nicht begrenzt“

Philosoph Markus Gabriel und Journalist Jürgen Wiebicke beim Lit.Eifel-Talk auf Schloss Wachendorf – Diskurs über das „allergrößte Ganze“, die Vernunft und das Nichtwissen – Philosophieabende auch bei der Lit.Eifel 2015

Mechernich-Wachendorf – „Wir leben überhaupt nicht in einem aufgeklärten Zeitalter.“ Markus Gabriel, mit 34 Jahren der jüngste Philosophie-Professor Deutschlands, gibt sich gerne provokant, wenn er die Aufklärung als sein „primäres Projekt“ betrachtet. Beim Lit.Eifel-Talk mit dem Journalisten und Philosophen Jürgen Wiebicke am Dienstagabend gab er den mehr als 60 Gästen auf Schloss Wachendorf einen Einblick in seine philosophischen Thesen. Für Wiebicke, der jüngst auch den Ordensgedenktag der Communio in Christo moderiert hatte, war es der zweite Besuch im Mechernicher Stadtgebiet binnen zwei Wochen.

Markus Gabriel argumentierte gegen die Existenz eines großen Ganzen, denn der Mensch sei immer ein Teil verschiedener Kontexte. Foto: Steffi Tucholke/pp/Agentur ProfiPress

Markus Gabriel argumentierte gegen die Existenz eines großen Ganzen, denn der Mensch sei immer ein Teil verschiedener Kontexte. Foto: Steffi Tucholke/pp/Agentur ProfiPress

Gabriels Buch „Warum es die Welt nicht gibt“ dreht sich vor allem um die Frage nach der Realität. Wiebicke eröffnete ein Gedankenexperiment: Das Wasserglas auf dem Tisch sei mit einer Flüssigkeit gefüllt, die – ähnlich einem Zaubertrank – Realität und Illusion erkennbar mache. „Ich würde mit sehr hohem Einsatz wetten, dass sich nichts verändert“, war sich der junge Philosophie-Professor der Universität Bonn sicher.

Er argumentierte gegen das große Ganze, zu dem sich der Mensch verhalte wie ein kleiner Teil. „Es gibt viel Materielles und Immaterielles, aber keine Gesamtheit daraus“, erklärte Gabriel. Stattdessen sei jeder Mensch ein Teil vieler Kontexte. „Alles erscheint in verschiedenen Sinnfeldern, aber es gibt keinen Zusammenhang zwischen den Dingen.“

Markus Gabriel geht vom Menschen als vernunftbegabtes Wesen aus, das in der Lage ist, philosophische Fragen zu stellen: „Wir existieren im offenen Horizont unserer Entwicklung.“ Foto: Steffi Tucholke/pp/Agentur ProfiPress

Markus Gabriel geht vom Menschen als vernunftbegabtes Wesen aus, das in der Lage ist, philosophische Fragen zu stellen: „Wir existieren im offenen Horizont unserer Entwicklung.“ Foto: Steffi Tucholke/pp/Agentur ProfiPress

Zur Erklärung führte er seine Hauptthese an: „Das Wohnzimmer kommt nicht im Universum vor.“ Gemeint ist, dass das Wohnzimmer über Bücher oder das Fernsehprogramm mit Ideen angefüllt ist, die keinen physikalischen Gegenstand bilden, also nicht materiell messbar sind, sondern nur von unterschiedlichen Kontexten und Sinnfeldern aus betrachtet werden können. So sei beispielsweise auch Deutschland kein physikalischer, sondern ein historischer Gegenstand, der im Laufe der Zeit immer wieder Veränderungen unterworfen war und ist.

Die Gäste der Lit.Eifel-Veranstaltung durften sich auf Nachfrage von Jürgen Wiebicke („Das philosophische Radio“, WDR 5) Gedanken machen, was in ihrer Vorstellung das „allergrößte Ganze“ sei. Dabei kamen ganz unterschiedliche Antworten: Für den einen war es die Frau, die er bald heiraten würde, für den anderen die Milchstraße, Gott oder die Gesamtheit aller Naturgesetze.

Jürgen Wiebicke, Journalist und Philosoph („Das philosophische Radio“, WDR 5) forderte die Besucher der Lit.Eifel-Veranstaltung auf, sich darüber Gedanken zu machen, was in ihrer Vorstellung das „allergrößte Ganze“ sei. Foto: Steffi Tucholke/pp/Agentur ProfiPress

Jürgen Wiebicke, Journalist und Philosoph („Das philosophische Radio“, WDR 5) forderte die Besucher der Lit.Eifel-Veranstaltung auf, sich darüber Gedanken zu machen, was in ihrer Vorstellung das „allergrößte Ganze“ sei. Foto: Steffi Tucholke/pp/Agentur ProfiPress

Markus Gabriel geht letztendlich vom Menschen als Vernunftwesen aus, denn „der menschliche Geist ist die Quelle aller Fragen und die Vernunft ist nicht begrenzt“. Bei dieser Form von „Rationalitätsoptimismus“, also dem ungebrochenen Vertrauen auf die menschliche Vernunft, hakte Jürgen Wiebicke nach, denn schließlich gebe es auch ein immenses Maß an Selbsttäuschung.

Mit Theorien über die Möglichkeit der Selbsttäuschung, wie sie in der Freud’schen Psychoanalyse vorkommen, wie auch mit dem Bestreben der Neurowissenschaften, über das menschliche Gehirn letztlich den kompletten Menschen zu verstehen, konnte sich Markus Gabriel aber nicht anfreunden. Stattdessen müsse der Mensch den Umgang mit dem Nichtwissen lernen.

„Das Mysterium ist etwas Unvorhergesehenes, denn wir existieren im offenen Horizont unserer Entwicklung“, so der Philosophie-Professor, der an der Bonner Universität Erkenntnistheorie lehrt. Quelle der menschlichen Freiheit sei die Philosophie. „Die Philosophen wissen nur, welche Fragen man stellen muss. Auf die Antworten kommt es vorrangig gar nicht an.“

Philosophische Gesprächsrunde: Markus Gabriel (links) und Jürgen Wiebicke diskutierten beim Lit.Eifel-Talk über Realität und Illusion, Ver-nunft und Mysterien. Foto: Steffi Tucholke/pp/Agentur ProfiPress

Philosophische Gesprächsrunde: Markus Gabriel (links) und Jürgen Wiebicke diskutierten beim Lit.Eifel-Talk über Realität und Illusion, Ver-nunft und Mysterien. Foto: Steffi Tucholke/pp/Agentur ProfiPress

Die philosophische Gesprächsrunde war die vorletzte Veranstaltung der diesjährigen Lit.Eifel. Aufgrund der vielen Besucher, für die sogar noch weitere Stühle im Saal des Schlosses aufgestellt werden mussten, kündigte das Lit.Eifel-Team an, dass solche Philosophieabende auch bei der kommenden Lit.Eifel 2015 auf dem Programm stehen sollen. Auch Ulrich Müller von Blumencron, dessen Familie seit sechs Generationen im Besitz von Schloss Wachendorf ist, kündigte an, dass solche Veranstaltungen in Zukunft häufiger im historischen Ambiente des Schlosses stattfinden könnten.

Die Lit.Eifel, die in diesem Jahr in zweiter Auflage stattfand, ist eine Initiative der Kommunen und Kreise. Von Juli bis Dezember konnten Bücherfreunde an den Veranstaltungen in den Kreisen Euskirchen und Düren, in der Städteregion Aachen und in der deutschsprachigen Gemeinschaft Ostbelgiens teilnehmen. Die Veranstalter betonten: „Das Gewicht der gesamten Region steht hinter der Lit.Eifel.“

pp/Agentur ProfiPress

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