8. Mai 2014

Gratwanderung zwischen Tier- und Verbraucherschutz

Delegation aus Bonner Ministerium informierte sich über die Praxis in der Schweinehaltung

KREIS MYK. Kreis Myk. Der Vorwurf, dass in Bundesministerien vom grünen Tisch aus und oft praxisfern entschieden wird, hält sich hartnäckig. Mitarbeitern im Referat Tierschutz im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) ist die Praxisnähe jedoch außerordentlich wichtig. Sie kamen zur Fortbildung nach Gering, um sich im Betrieb von Toni Schwab und im Austausch mit den Veterinären der Kreisverwaltung Mayen-Koblenz fortzubilden.

Dr. Katharina Kluge ist Leiterin des Tierschutzreferats im BMEL. Sie hält es überhaupt nicht für geringschätzend, wenn von „Schreibtischtätern“ gesprochen wird: „So ganz falsch ist das nicht. Es ist wirklich selten, dass wir noch einen normalen Schweinestall sehen. Wir führen ja keine Kontrollen wie Land oder Kreis durch, sondern sind alleine für die Gesetzgebung zuständig“, sagt die Tierärztin. Und diese Gesetze sind ständig im Wandel. So wird sich der Bundesrat mit der Schweinehaltung beschäftigen, insbesondere mit den Fragen: Wieviel und welches Beschäftigungsmaterial ist für die Tiere nötig? Was brauchen Schweine an Platz im Stall? „Tierschutz ist dabei immer zugleich eine Abwägung mit der Praxis und der ökonomischen Frage, welche Folgekosten für den Betrieb verbunden sind und ob das zu verantworten ist.“

Die Bandbreite der Schweinehaltung reicht heute vom Kleinbetrieb bis zur Massentierproduktion, die auf Zucht oder Mast spezialisiert ist. Neben Bitburg-Prüm hat Mayen-Koblenz die größten Schweinemastbetriebe in Rheinland-Pfalz. Dennoch verliert die Schweinehaltung im Land an Bedeutung. Von Mai 2003 bis November 2013 ging der Bestand um 40 Prozent zurück. Heute sind es im Landkreis noch gut 130 Betriebe mit 28000 Schweinen. 65 Prozent davon sind reine Mastbetriebe, 10 Prozent Züchter und 25 Prozent Kombibetriebe.

Der Hof von Toni und Margret Schwab und ihrer Tochter Anna ist ein klassischer Familienbetrieb mit einem geschlossenen System, wo die Tiere vom Abferkeln bis zur Fahrt in den Schlachthof leben. Von 2005 bis 2009 haben die Schwabs Ställe mit Platz für gut 100 Muttertiere und die Nachfolgezucht geschaffen.

Verklärte Bauernhofidylle ist hier nicht angesagt. Es geht um Fleischproduktion. Dennoch: Man merkt, dass den Schwabs ihre Tiere wichtig sind. Man merkt´s an der Art, wie der Landwirt über sie spricht oder an kleinen Streicheleinheiten, die er immer wieder ganz selbstverständlich verteilt. So regt es ihn unverkennbar auf, dass er darauf achtet, möglichst viele Tiere gleichzeitig schlachtreif zu verladen, damit der Lkw nicht zu viele Zwischenstationen machen muss: „Was nützt das aber, wenn ein weiterer Hof in Marburg angesteuert wird, ehe es dann zighundert Kilometer weiter zur Schlachtung geht?“

Ein Umstand, der auch Kreisveterinär Dr. Rudolf Schneider umtreibt: „Es ist eine verkehrte Welt, wenn deutsche Schweine nach Italien verfrachtet werden, um als ´original Parmaschinken´ zurück in unsere Kühltheken zu kommen.“ Die grenzenlose EU macht´s möglich. Schwierig auch: das Sterben der Schlachthöfe. Wurden in Andernach noch vor wenigen Jahren bis zu 150.000 Schweine pro Jahr geschlachtet, ist das längst Geschichte. Der nächste Schlachthof steht in Wittlich – rund 100 Kilometer Autobahn entfernt.

Damit wird der Gedanke der Regionalität nach Meinung von Toni Schwab unterlaufen: „Hier müsste man ansetzen, sonst nützen die Vorschriften bei der Haltung wenig.“ In dem Familienbetrieb achtet man auf eine sehr kontrollierte Aufzucht. Sein Getreide baut Toni Schwab auf eigenen Äckern an und mischt das Futter selbst. Die Ferkel werden gegen Infektionen geimpft. Antibiotika bekommen die Schweine in der Regel keine.

Ein guter Ansatz, wie auch die Kreisveterinäre und die Delegation aus Bonn bestätigen. Doch der Teufel steckt im Detail. In den meisten Schweinehaltungen wird den Tieren der Schwanz kupiert. Beißen sich die Tiere nämlich, dann ist der Ringel sonst das erste Ziel. Das Dilemma: Tierschützer wettern gegen das Kupieren, Verbraucherschützer sehen dagegen den Vorteil, dass es weniger Beißereien und mithin weniger Infektionen gibt, die mit Antibiotika behandelt werden müssen und das Fleisch belasten. Gelassen sind die Sauen in den Ställen des Geringer Hofs. Da die Schwabs für die einzelnen Aufzuchtphasen einen Rhythmus gefunden haben, befinden sich immer Tiere gleichen Alters und Größe in den Ställen. Sie werden in Gruppen gehalten, für die Tiere gibt es innerhalb der Ställe die Möglichkeit des Kontakts untereinander. Wollen die Sauen ihre Ruhe haben, können sie sich in ihre Einzelboxen zurückziehen, wann immer sie wollen.

Möglichst stressfrei soll es sein, der Blick durch die Fenster in die Ställe zeigt, dass es dort ruhig zugeht. Zu ruhig oder gar lethargisch soll die Stimmung jedoch auch nicht sein. Seit Jahren macht man sich Gedanken, wie die Tiere ein wenig Ablenkung bekommen können. „Schweine wollen wühlen und sind recht neugierig, sie haben einen regelrechten Spieltrieb“, sagt der Kreisveterinär. Die Muttertiere wühlen mit Jutesäcken, was dem Trieb des Nestbaus entspricht. Schneider erklärte, dass auch die Ferkel mit Jutesäcken spielen, auch ein an der Kette frei bewegliches Holzteil nutzen die Tiere, um sich zu beschäftigen. Solche Dinge sind schon lange in der Verordnung zum Schutz landwirtschaftlicher Nutztiere geregelt. Neben den Vorschriften zum Platzbedarf der Tiere ist sicherzustellen, dass jedes Schwein jederzeit Zugang zu gesundheitlich unbedenklichem und in ausreichender Menge vorhandenem Beschäftigungsmaterial hat. Das muss das Schwein untersuchen und bewegen können, veränderbar sein und damit dem Erkundungsverhalten dienen. Mindestens genauso wichtig: die Versorgung mit Wasser in ausreichender Menge und Qualität. Themen, über die sich die Schwabs schon lange Gedanken gemacht haben und das vorbildlich umsetzen.

Gesetzgeber, Kontrollbehörde, Züchter. Der Tag auf dem Hof in Gering verläuft harmonischer, als es Außenstehende zunächst vermuten würden. Nicht immer ist man einer Meinung, es wird fachlich diskutiert. Doch es ist jederzeit klar: Das Wohl der Tiere ist untrennbar mit dem Verbraucherschutz verbunden. Klar ist zudem: Wirtschaftliche Interessen lassen sich nicht ausblenden. Es geht schließlich auch um die Existenz der Betreiber. Auch Toni Schwab ist daher zufrieden: „Wir machen die Türen in unserem Hof gerne auf, wenn am Ende praktikable Lösungen herauskommen.“

Und was hat die Delegation aus Bonn mitgenommen? „Vor allem viele Bilder im Kopf. Wir haben erfahren, wie unsere rechtlichen Vorschriften konkret umgesetzt werden und was den Betrieben Probleme macht“, sagt Katharina Kluge. „Das Beschäftigungsmaterial für die Tiere wird weiter ein Thema bleiben. Auch der Platz für die Tiere ist wichtig, aber längst nicht alles. Es war auf jeden Fall wertvoll, nach Gering zu kommen.“

Bild:

In den Ställen des Hofs in Gering schnupperten die Mitarbeiter des Ministeriums „Praxisluft“. Dr. Rudolf Schneider (l.) erläuterte die Details.

 

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