28. November 2016

Das etwas andere Familientreffen

Die „Lit.Eifel 2016“ präsentierte Premierenlesung mit Ulrich Land im Literaturhaus Nettersheim – Fast 40 Jahre am Buch „Michel B. verzettelt sich“ geschrieben – Am Rande gab es eine Familienzusammenführung der besonderen Art – Halb Dokumentation, halb Fiktion

Nettersheim – „Eigentlich habe ich rund 40 Jahre an diesem Buch geschrieben“, gesteht Autor Ulrich Land am Ende seiner Lesung am Freitagabend im Literaturhaus Nettersheim. Die ersten Manuskripte von „Michel B. verzettelt sich“, einer fiktiven Biographie von Ulrich Lands Großvater Michel Becker, verarbeitete der Autor noch auf einer „Erika“-Schreibmaschine, die, ebenso wie die Dokumente aus Michael Bs Leben, ein Geschenk seiner Eltern war.

Sein neuester Roman, aus dem er an diesem Abend zum ersten Mal las, ist eine Mischung aus Dokumentation und Fiktion. „Wenn ich etwas nicht wusste, habe ich es dazu erfunden“, erklärt der Autor seiner ziemlich genau 40 Köpfe zählenden interessiert lauschenden Zuhörerschaft bei der Lit.Eifel-Premierenlesung.

Bei der Lit.Eifel Premierenlesung las Ulrich Land aus seinem neuesten Buch „Michel B. verzettelt sich – Eifeler Ermittlungen eines Enkels“. Das Werk (ISBN: 9 7839 5441 3287, 296 Seiten, 10,95 Euro) ist in Ralf Kramps Hillesheimer KBV-Verlag in der „Edition Eyfalia“ erschienen. Foto: Sarah Winter/pp/Agentur ProfiPress

Bei der Lit.Eifel Premierenlesung las Ulrich Land aus seinem neuesten Buch „Michel B. verzettelt sich – Eifeler Ermittlungen eines Enkels“. Das Werk (ISBN: 9 7839 5441 3287, 296 Seiten, 10,95 Euro) ist in Ralf Kramps Hillesheimer KBV-Verlag in der „Edition Eyfalia“ erschienen. Foto: Sarah Winter/pp/Agentur ProfiPress

Darunter befanden sich einige Familienmitglieder und Engelgauer Nachbarn, die sich nicht nur für den sich widersprechenden Lebenswandel von Ulrich Lands Großvaters Michel Becker zwischen Katholizismus und Ehebruch interessierten, sondern ebenso für die Ausstellung von Bildern und Dokumenten des Heimatforschers Wolfgang Rößler über die Gemeinde Engelgau zwischen 1932 und 1943

Kein Buch unter 10.000 Exemplaren

In seiner Zeit war Michel Becker im Rheinland kein Unbekannter. „Kaum einer seiner Romane, und die bringen es immerhin auf gut einen Regalmeter, blieb unter einer Auflage von 10.000 Stück“, so Ulrich Land, der Enkel Michel Beckers. Sein Großvater, der von 1895 bis 1948 lebte, war einer der radikalsten Vertreter des rheinischen Katholizismus – zumindest in seinen Werken. Die Wirklichkeit des Schriftstellers, der viele Jahre in Engelgau bei Nettersheim wohnte, sah freilich anders aus.

In der Pause erläuterte Heimatforscher Wolfgang Rößler interessierten Gästen seine umfangreiche Ausstellung zu „Michel B.“. Foto: Sarah Winter/pp/Agentur ProfiPress

In der Pause erläuterte Heimatforscher Wolfgang Rößler interessierten Gästen seine umfangreiche Ausstellung zu „Michel B.“. Foto: Sarah Winter/pp/Agentur ProfiPress

„Pünktlich um 11 Uhr ließ er den Bleistift fallen, um anschließend ins Wirtshaus zu eilen oder sich um die Damen im Ort zu kümmern“, erklärt der Autor. In präziser Regelmäßigkeit wurden von ihm alle religiösen Maxime über Bord geworfen und Käthe B., die Großmutter von Ulrich Land, musste schon früh erkennen, dass sie nicht die einzige war.

„Oft ließ er seine Frau tagelang ohne jede Nachricht warten und vernaschte währenddessen das ein oder andere Bauernmädchen“, führte der Autor aus.

Ulrich Land, der als freier und mehrfach preisgekrönter Autor in Freiburg lebt, bekommt viele Jahre später immer wieder widersprüchliche Geschichten über seinen Großvater aufgetischt. Er begibt sich auf die Spurensuche nach seinem Vorfahren, von dem vor allem ein Bild in der Familienchronik hängen geblieben ist: Das schwarze Schaf.

In der Pause signierte der Autor auf Wunsch auch die Bücher der Zuhörer. Darunter auch Mitglieder seiner Familie. Foto: Sarah Winter/pp/Agentur ProfiPress

In der Pause signierte der Autor auf Wunsch auch die Bücher der Zuhörer. Darunter auch Mitglieder seiner Familie. Foto: Sarah Winter/pp/Agentur ProfiPress

Die einzelnen Episoden, die Land an diesem Abend bei der „Lit.Eifel 2016“ vor dem inneren Auge heraufbeschwor, ließen förmlich spüren, wie schwer all diese Geschehnisse und Ausschweifungen Michel Bs für seine Familie gewesen sein müssen.

Neurotische Angst vor Schulden

Diese Auswirkungen sind für die Familienmitglieder bis heute spürbar. Teile der Familie lernten sich erst an dem Abend im Nettersheimer Literaturhaus kennen, und seine Nachfahren in zweiter und dritter Generation, inklusive des Autors selbst, werden bis heute von einer fast neurotischen Angst vor Schulden gebeutelt.

Ulrich Land verstand es mit seiner ausdrucksstarken Erzählweise grandios, das Publikum mitzunehmen in die Zeit von Michel Becker und man fühlt sich an diesem Abend so manches mal hin- und hergerissen zwischen Faszination und Empörung, wenn Ulrich Land vom „Laacher Fenstersturz“ oder „tragischen Geschehnissen auf dem Scheißhaus“ berichtete.

Am Büchertisch konnten die Besucher das neu erschienene Buch auch käuflich erwerben. Foto: Sarah Winter/pp/Agentur ProfiPress

Am Büchertisch konnten die Besucher das neu erschienene Buch auch käuflich erwerben. Foto: Sarah Winter/pp/Agentur ProfiPress

Sarah Winter/pp/Agentur ProfiPress

Ulrich Land

Ulrich Land wurde 1956 in Köln geboren. Dort studierte er Germanistik, Geographie und Philosophie. Seit 1987 arbeitet er als freier Autor und schreibt Erzählungen, Reportagen, Essays, Theaterstücke und Lyrik. Sein Hauptstandbein ist das Radio. So hat er ARD-weit über 60 Funkfeatures geschrieben, unter anderem über die Süße des Grauens, das Wetter, die Stille, die Lichtsucht der High-Light-Gesellschaft, die Verpackung, die Seele des Computers, das Abenteuer, die Masse, das Wilde, den Knast, das Paradies, den Weltuntergang, das Warten, über Gummi, das Lächeln der Leiche, über Kannibalismus und Eros, das Altern, das Wasser, den Ekel, die Eitelkeit des Mannes, über Masken, die Achterbahn, den Tunnel, Automatenmenschen, den Boom der Berge, die Zukunft des Radios, den Raumtraum, über das neue Sparfieber, die Rechtschreibreform, die Elite-Uni-Debatte, das Schrumpfen der Städte, über die Hinterlassenschaften unserer Epoche in 500 Jahren und die Download-Wisser . . .

Außerdem wurden fast 40 Hörspiele von ihm gesendet, die zum Beispiel eine Republikflucht am Tag vor dem Mauerfall zum Thema hatten, oder Verzweiflung am Rand des Fortschritts, Sabotageaktionen im Berliner Regierungsviertel, den Mord an Christopher Marlowe und den Selbstmord Kleists; Nabokovs Lolita wurde enttarnt, Tucholskys ungeklärtes Ende ungeklärt gelassen, ebenso wie Horváths Tod auf den Champs-Élysées . . .

Interessiert verfolgte das Publikum die teils amüsant vorgetragenen Abenteuer des Michel Becker. Die Ernsthaftigkeit der Situationen war jedoch immer hintergründig spürbar. Foto: Sarah Winter/pp/Agentur ProfiPress

Interessiert verfolgte das Publikum die teils amüsant vorgetragenen Abenteuer des Michel Becker. Die Ernsthaftigkeit der Situationen war jedoch immer hintergründig spürbar. Foto: Sarah Winter/pp/Agentur ProfiPress

Eine Leiche wurde in einer Rasenrolle für ein WM-Stadion entsorgt und eine im Keller des Startbahn-West-Widerstands aufgefunden, ein Kommissar musste erkennen, dass nur er selbst der Mörder sein kann, den er sucht, und ein Cellist wirbelte mit einem Museumswärter um die Wette durch den akustischen Raum …

Darüber hinaus hat Ulrich Land zwei Libretti für akustische Kunst-Kompositionen zu Hölderlin bzw. Velimir Chlebnikov geschrieben, zahlreiche Beiträge in Anthologien veröffentlicht sowie mehrere Bücher und zwei Literaturzeitschriften als Herausgeber betreut. Lange Jahre war er bei den Eins-Live-Lauschangriff-Hörspielen als Moderator auf Sendung.

Im Herbst 2008 legte er seinen Debütroman vor: „Der Letzte macht das Licht aus. Norwegen-Krimi mit Rezepten“, der beim Oktober-Verlag in Münster erschien. Beim gleichen Verlag veröffentlichte er 2010 seinen Eifel-/Island-Roman „Einstürzende Gedankengänge“ und 2011 den Nordatlantik-Krimi „Und die Titanic fährt doch“, mit dem er ein halbes Jahr landauf, landab tourte und ein Untergangsdinner nach dem anderen bestritt.

Familienangehörige und Nachfahren von Ulrich Lands Romanprotagonisten „Michel B.“ (v.l.): Beate Klemm, Leonie und Paula Klemm, Ulrich Land, Thomas Land, Barbara Land, Edi Földes. Foto: Sarah Winter/pp/Agentur ProfiPress

Familienangehörige und Nachfahren von Ulrich Lands Romanprotagonisten „Michel B.“ (v.l.): Beate Klemm, Leonie und Paula Klemm, Ulrich Land, Thomas Land, Barbara Land, Edi Földes. Foto: Sarah Winter/pp/Agentur ProfiPress

Im März 2013 erschien – ebenfalls beim Oktober-Verlag – sein vierter Roman „Krupps Katastrophe“, mit dem er sich und seine Leser ins Jahr 1902 zurück katapultiert. Im März 2014 veröffentlichte er – passend zum 450. Geburtstag des Großdichters – den Roman „Messerwetzen im Team Shakespeare“, der sich mit den roten Flecken auf dessen weißer Weste befasst.

Außerdem arbeitet Land als Dozent für „creative writing“ unter anderem an der Universität Witten/Herdecke. Seine Arbeiten wurden mehrfach mit Stipendien der Filmstiftung NRW und des Kulturministeriums NRW bedacht und erhielten mehrere Auszeichnungen, u. a. den Wuppertaler Literaturpreis und den Kölner Medienpreis; eins seiner Hörstücke wurde zum Hörspiel des Monats gekürt. Er ist Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller und im Syndikat, der Vereinigung deutschsprachiger Krimischriftsteller.

pp/Agentur ProfiPress

 

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