14. Oktober 2016

Von Kall in den Krieg

Mit Norbert Scheuer las einer der bedeutendsten deutschsprachigen Gegenwartsautoren bei der „Lit.Eifel 2016“ in Kall – „Die Sprache der Vögel“, ein Synonym für die Universalsprache der Menschheit, die alle einander verstehen ließe – Angeregte Unterhaltung zwischen Autor und Publikum – Tolle Genre-überspannende Musik von „Radmacher & Geschwind“

Kall/Eifel – Der Schriftsteller Norbert Scheuer kann möglicherweise nicht gut erklären, sagte er selbst. Dafür aber meisterhaft erzählen. Und zwar nicht nur Handlungsfaden an Handlungsfaden zu einem vielschichtigen Geflecht spinnend, das sich Roman nennt.

Scheuer ist von Hause aus Lyriker und das merkt man auch seiner Prosa an: Der in Kall-Keldenich lebende Romancier und Dichter ist einer der besten deutschsprachigen Gegenwarts-Belletristen, weil er die Worte, die er setzt, zuvor abwägt, prüft, wendet und durch bessere, weil treffendere ersetzt. Das macht seine Romane zur Poesie.

Norbert Scheuer las am Donnerstag im Rahmen der „Lit.Eifel 2016“ im Kulturraum Kall aus seinem Roman „Die Sprache der Vögel“. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Norbert Scheuer las am Donnerstag im Rahmen der „Lit.Eifel 2016“ im Kulturraum Kall aus seinem Roman „Die Sprache der Vögel“. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Davon konnten sich rund 50 Zuhörer bei der jüngsten Lit.Eifel-Lesung im Kulturraum Kall des Energieversorgers KEV (ene) an der Hindenburgstraße überzeugen. Dort las der vielfach preisgekrönte Norbert Scheuer aus seinem Roman „Die Sprache der Vögel“ (C.H.Beck, ISBN 978 3 406 67745 8) und aus dem Manuskript seines noch unfertigen neuen Romans, der im Herbst 2017 erscheinen soll und der in Kall und am Bleiberg angesiedelt ist.

Liegt der „ödeste Ort der Welt“ am Eifeler Bleiberg

„Manche sagen, am ödesten Ort der Welt,“ hieß es an einer Stelle knapp und nicht so verletzend, wie Norbert Scheuer bereits befürchtet hatte. Der in Kall geborene, aufgewachsene und lebende Musiker Wilhelm Geschwind und andere Lit.Eifel-Gäste aus Kall und Umgebung fanden das Bild vielmehr zutreffend, das Norbert Scheuer in dem kurzen Auszug aus dem neuen Roman entwarf.

„Radmacher & Geschwind“ spielten Eigenkompositionen aus dem von ihnen selbst geschaffenen Genre, das irgendwo zwischen Klassik und Jazz anzusiedeln wäre. Foto: Sarah Winter/pp/Agentur ProfiPress

„Radmacher & Geschwind“ spielten Eigenkompositionen aus dem von ihnen selbst geschaffenen Genre, das irgendwo zwischen Klassik und Jazz anzusiedeln wäre. Foto: Sarah Winter/pp/Agentur ProfiPress

Wilhelm Geschwind (Bass) und Eckhard Radmacher (Piano) gaben im Übrigen zwischen den literarischen Kostproben und Gesprächen als Duo Radmacher & Geschwind Eigenkompositionen aus einem selbstkreierten musikalischen Genre zu Gehör, das irgendwo zwischen Klassik und Jazz anzusiedeln ist.

Lesung, Musik und nicht zuletzt das lockere Gespräch, das Norbert Scheuer, der Journalist Manfred Lang und das rege Anteil nehmende Publikum miteinander führten, machten diesen Lit.Eifel-Abend im Kulturraum Kall zu einer rundum gelungenen Sache. „Norbert Scheuer gehört zu uns, er gehört zur Lit.Eifel dazu“, hatte der Programmbeirat Helmut Lanio, ebenfalls ein Kaller, bereits im Vorfeld der Lesung konstatiert.

Der Journalist Manfred Lang im Gespräch mit Norbert Scheuer. Den angeregten Dialog setzten die Lit.Eifel-Gäste mit Fragen an den Autor fort. Foto: Sarah Winter/pp/Agentur ProfiPress

Der Journalist Manfred Lang im Gespräch mit Norbert Scheuer. Den angeregten Dialog setzten die Lit.Eifel-Gäste mit Fragen an den Autor fort. Foto: Sarah Winter/pp/Agentur ProfiPress

Der 1951 in Prüm geborene Karl Norbert Scheuer ist in wechselnden Eifeldörfern großgeworden, in denen seine Eltern jeweils Gastwirtschaften betrieben. Das erklärt seine große Distanz zum Dorf und gleichzeitig sein gutes Auge für die Eifel und für die Menschen und seine Neigung zum detailgenauen Erzählen.

Der gelernte Elektriker, studierte Ingenieur und Philosoph veröffentlichte seine lakonische Lyrik und Prosa zunächst in Anthologien wie „Beste deutsche Erzähler“ oder der Literaturzeitschrift „Akzente“. 1994 erhielt er den Kulturpreis des Kreises Euskirchen, der Scheuers Erzählband „Der Hahnenkönig“ im Selbstverlag herausgab.

Fast andächtig lauschte das Publikum dem Wechsel aus Geschichten und Musik. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Fast andächtig lauschte das Publikum dem Wechsel aus Geschichten und Musik. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Das ist verdammt lange her: Wolfgang Scheuer bekam seither eine ganze Menge weiterer und zum Teil sehr hochwertiger und hoch dotierter Preise, unter anderem den Koblenzer Literaturpreis (2000), den Eifel-Literaturpreis (2001), den Sonderpreis der Jury zum Buch des Jahres Rheinland-Pfalz (2002), den Martha-Saalfeld-Förderpreis (2003), den 3sat-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb und den Georg-K.-Glaser-Preis (beide 2006).

2010 wurde Norbert Scheuers Roman „Überm Rauschen“ zum „Buch für die Stadt“ des „Kölner Stadt-Anzeiger“ in Köln und der Region, 2010 bekam der Keldenicher den Düsseldorfer Literaturpreis und den Rheinischen Literaturpreis Siegburg.

Viele Gäste ließen sich die im Laufe des Abends erworbenen Bücher gleich vom Autor signieren. Foto: Sarah Winter/pp/Agentur ProfiPress

Viele Gäste ließen sich die im Laufe des Abends erworbenen Bücher gleich vom Autor signieren. Foto: Sarah Winter/pp/Agentur ProfiPress

2009 stand er mit dem in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorabgedruckten Roman „Überm Rauschen“ auf der sechs Titel umfassenden Shortlist zum Deutschen Buchpreis. 2015 folgte der Roman „Die Sprache der Vögel“ auf der Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse.

Schuldgefühle, Aggression und zunehmend anarchistische Züge

Er handelt vom Auslandseinsatzerlebnis eines Bundeswehrsanitäters. Im Kriegseinsatz in Afghanistan balanciert er zwischen Grauen und Langeweile und findet seine innere Ruhe in der Beobachtung von Vögeln. Norbert Scheuer erzählt vielschichtig nicht nur die Geschichte des Sanitätsobergefreiten Paul Arimond, sondern auch die von dessen Freundin und Familie und seines Freundes Jan, der sich bei einem Autounfall, den Paul verursacht hatte, irreparable Hirnschäden zugezogen hat.

Es geht um daraus erwachsene Schuldgefühle und eine zunehmende Lager-Klaustrophobie, die sich in einer sich steigernden illegalen und anarchistischen Haltung Bahn bricht. Inmitten einer zunehmend gefährlichen Bedrohungslage beginnt Paul immer unberechenbarer zu handeln. In eindringlichen Bildern entwirft der Schriftsteller ein leidenschaftliches, den Leser tief berührendes Plädoyer für das Leben und gegen die Gewalt.

Autoren unter sich: Norbert Scheuer beim Plausch mit dem Autor und Gymnasial-Lehrer Christoph Leisten, der am 1. Dezember im Rahmen der „Lit.Eifel 2016“ im Rheinischen Industriemuseum Kuchenheim aus seinem literarischen Marokko-Reiseführer „Argana“ vorlesen will. Foto: Sarah Winter/pp/Agentur ProfiPress

Autoren unter sich: Norbert Scheuer beim Plausch mit dem Autor und Gymnasial-Lehrer Christoph Leisten, der am 1. Dezember im Rahmen der „Lit.Eifel 2016“ im Rheinischen Industriemuseum Kuchenheim aus seinem literarischen Marokko-Reiseführer „Argana“ vorlesen will. Foto: Sarah Winter/pp/Agentur ProfiPress

Scheuer beschränkt sich aber keineswegs auf die immer wieder wechselnden Schauplätze Kall und Krieg, er schaltet auch zwischen den Jahrhunderten um zu Ambrosius Arimond, einem Vorfahr Pauls, der Afghanistan 1781 auf der Suche nach der Universalsprache bereist und ein Land antrifft, in dem Milch und Honig fließen, gastfreundliche liebenswürdige Menschen leben und der Zauber des Orients die Sinne verzaubert. Ein völlig anderes Land als das Afghanistan aus den Fernsehnachrichten . . .

Nach einhelligem Urteil der Literaturkritiker hat kein Autor die schwierige Aufgabe, den Afghanistankrieg literarisch zu verarbeiten, so feinfühlig und mit einem so originellen Ansatz gelöst wie Norbert Scheuer in „Die Sprache der Vögel“.

Autor betreibt drei Jahre „eine Art Gehirnwäsche“

Dabei ist er nie am Hindukusch gewesen, wie Scheuer im Gespräch mit dem Moderator verriet. Aber der Keldenicher ist ein akribischer Recherchierer. Er bedient sich dazu namhafter Experten – im vorliegenden Fall einem traumatisierten Afghanistan-Veteranen, den er in einem Kaller Café traf und in Sachen Tierkunde des früheren Kölner Zoodirektors Gunther Nogge, der ein Buch über die Tierwelt Afghanistans geschrieben hat.

Manfred Lang (r.) begrüßt im Namen der „Lit.Eifel 2016“ ein gut besetztes Auditorium im Kaller Kulturraum und stellt die musikalische Begleitung des literarischen Abends vor, Eckard Radmacher (Piano) und Wilhelm Geschwind (Bass). Foto: Sarah Winter/pp/Agentur ProfiPress

Manfred Lang (r.) begrüßt im Namen der „Lit.Eifel 2016“ ein gut besetztes Auditorium im Kaller Kulturraum und stellt die musikalische Begleitung des literarischen Abends vor, Eckard Radmacher (Piano) und Wilhelm Geschwind (Bass). Foto: Sarah Winter/pp/Agentur ProfiPress

Scheuers Romane „wachsen“ über drei Jahre. Die braucht Scheuer nicht nur, um die meist reichhaltige Faktenlage genau zu studieren, sondern auch, um sich in seine Protagonisten hinein zu versetzen. „Das ist wie eine Gehirnwäsche“, erklärte der Autor seinem Kaller Publikum.

Nach Erscheinen schalte er aber ganz rasch um auf die Realität und das so genannte „wirkliche“ Leben, was dazu führe, dass der Schriftsteller, der die fiktive Welt des Romans aus Mosaik und Sediment zusammengesetzt hat, ihr ziemlich schnell wieder entrückt werde. Der neue Roman lockt ihn schon . . .

 

Zitiert

„In allem Anfang ist bereits das Ende angelegt“

Aus dem Publikumsgespräch Norbert Scheuers bei der Lit.Eifel 2016

Wer heute über das vom Krieg gebeutelte Afghanistan hört oder liest, der hat Bilder von zerstörten Häusern und von Bomben zerpflückten Landstrichen im Kopf. Das ist bei Norbert Scheuer nicht anders, aber er bietet einen völlig anderen Zugang zu diesem Land. Sein literarischer Weg führt „von Kall in den Krieg“, und im Zentrum steht die Suche nach einer Universalsprache, die alle verstehen. Als Synonym dient „Die Sprache der Vögel“.

Scheuer, der schon als Kind immer gerne Vögel beobachtet hat, war aufgefallen, dass er in keinem Filmbeitrag über Afghanistan jemals auch nur einen einzigen Vogel zu Gesicht bekommen hatte. Erst bei seinen Recherchen erfuhr er, dass es am Hindukusch 360 verschiedene Vogelarten gibt, so viel wie in ganz Europa.

Seine eigene Neigung und Erkenntnisse überträgt der Autor auf seinen Hauptdarsteller Paul Arimond. Ihn lässt er im Roman aus dem stark aufgebrühten Kantinenkaffee im Bundeswehrcamp auch Zeichnungen der beobachteten Vögel anfertigen. Das hat der künstlerisch hochtalentierte Sohn Erasmus Scheuer für das Buch seines Vaters tatsächlich so gemacht – mit Kaffeesatz gezeichnet.

Auf die Frage von Manfred Lang, wie es ihm denn auf seinen Recherche-Reisen in Afghanistan ergangen sei, antwortete Scheuer lachend nach anfänglicher Scherzerei: „Nein ganz ehrlich, Spaß beiseite, ich glaube um einen Roman über das Land zu schreiben, muss man nicht unbedingt nach Afghanistan reisen, da genügt auch schon so etwas wie Imagination.“

Er habe sich viel mit Soldaten unterhalten, die dort waren, sie erzählten ihm ihre Geschichten. Ausschlaggebend für den Roman waren die Schilderungen eines Kriegsveteranen, den er wegen seines Haustiers, einer in Afghanistan vorkommenden Amphibie, als „Schildkrötenmann“ beschreibt.

In seinen Erklärungen über den Inhalt seines Buches hält Norbert Scheuer plötzlich inne und unterbricht sich selbst: „Ich glaube ich verzettele mich gerade wieder, ich lese am besten einfach weiter“. Von Manfred Lang im Verlauf des Abends auf diesen Satz angesprochen erklärt Norbert Scheuer seinem Publikum: „Vielleicht ist das Schreiben eine Rettung aus Defiziten, ich habe eigentlich immer nur Leuten zugehört, die Geschichten erzählt haben, das ist für mich eine ganz eigene Zugangsform. Man könnte auch sagen, ich schreibe nur, weil ich nicht erklären kann.“

Eine Frage aus dem Publikum: „Woher stammt die Geschichte mit der Maus in ihrem Buch?“ Der Autor holt ein wenig aus und erklärt, als das Buch quasi fertig war, wollte er noch einmal sicherstellen, dass er keinen Quatsch geschrieben hatte, denn es gibt nur sehr wenige seriöse Quellen über die Zoologie Afghanistans und so stieß er auf den Experten Professor Dr. Gunther Nogge, Verfasser des Buchs: „Zoologie Afghanistans“, ihm schickte er das Manuskript und bat um seine Meinung.

Der Professor war es schließlich auch, der ihm den Kontakt zu einem Soldaten vermittelte, der vier Jahre lang in Afghanistan war und dort intensive Vogelstudien betrieben hatte. Von ihm stamme auch die Geschichte mit der Maus.

„Siehst Du Farben oder hörst Du Töne, wenn Du schreibst?“, wollte eine mit Scheuer bekannte Zuhörerin in Kall wissen. Der Autor dachte einen Augenblick darüber nach und antwortete: „Ehrlich gesagt, wenn, dann blende ich sie aus. Ich sehe beziehungsweise schreibe nur Worte.“

Man könne es ungefähr damit vergleichen, ein Haus zu bauen. Normalerweise gebe es zu Beginn einen Plan: „Man beginnt mit dem Fundament und arbeitet sich Stück für Stück weiter vor.“ Er habe es da beim Schreiben bedeutend einfacher: „Ich habe keinen Plan, ich habe nur die Wörter, ich fange einfach irgendwo an und mache weiter.“

Weitere Zitate Scheuers aus dem Interview und der Publikumsbefragung: „Jeder Text in dem Buch ist besser als das, was ich vorgelesen habe.“ „Wenn man ein Buch fertig hat, ist das wie eine Art Gehirnwäsche, dann vergisst man alles, was gewesen ist und ist schon beim nächsten Projekt. In allem Anfang ist bereits das Ende angelegt“.

„Am Anfang steht ein Bild, das Bild in seiner Erweiterung beinhaltet meist bereits das Ende. Verschwindet das Bild mit der Zeit, dann taugte es nichts. Wenn ein Bild mich aber über drei Jahre begleitet, dann trägt es auch bereits das Ende in sich.“ (Sarah Winter, pp, ProfiPress)

pp/Agentur ProfiPress

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