15. Juni 2016

Flucht und Fremdsein

Die deutsch-iranische Autorin Shida Bazyar beeindruckt ihr Eupener Publikum bei der Lit.Eifel als eigenwillige Schreiberin

Eupen – Mit einer Lesung aus ihrem hochgelobten Debütroman „Nachts ist es leise in Teheran“ eröffnete Shida Bazyar im Eupener Jünglingshaus den ostbelgischen Teil der diesjährigen Lit.Eifel. Dafür war sie aus Frankfurt angereist, um gleich am nächsten Tag ihre Lesereise in Köln fortzusetzen, berichtete Moderator Guido Thomé. „Sie ist eben in allen Metropolen zu Hause“, fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu.

„Nachts ist es leise in Teheran. Tagsüber so laut“, denkt Laleh, die 16-jährige Tochter von Behsad und Nahid, die nach der Machtübernahme der Mullahs mit ihren noch kleinen Kindern nach Deutschland geflohen sind. Zwölf Jahre später, 1999, besucht Laleh mit ihrer Mutter Nahid und der kleinen Schwester Tara zum ersten Mal wieder Teheran. In Zehn-Jahres-Schritten erzählt Shida Bazyar die Geschichte einer iranischen Familie. In jedem Abschnitt kommt ein anderes der vier Familienmitglieder zu Wort, schildert die Flucht und das Leben im Exil aus seiner Perspektive. Im dritten Abschnitt ist es Laleh, die schon mehr Deutsche als Iranerin ist, die sich im Kreis ihrer iranischen Familienmitglieder in Teheran fremd fühlt: Sie, ihre Mutter und Tara sind „die Besucherinnen aus Deutschland, die exotischen Ausländerinnen“, so jedenfalls empfindet es Laleh.

Die junge deutsch-iranische Schriftstellerin Shida Bazyar eröffnete im Eupener Jünglingshaus den ostbelgischen Programmteil der Lit.Eifel. Foto: Renate Hotse/pp/Agentur ProfiPress

Die junge deutsch-iranische Schriftstellerin Shida Bazyar eröffnete im Eupener Jünglingshaus den ostbelgischen Programmteil der Lit.Eifel. Foto: Renate Hotse/pp/Agentur ProfiPress

Umgekehrt Nahid, die zehn Jahre zuvor, ab 1989, zu Wort kommt und die sich schwer tut mit dem Leben in Deutschland, die Laleh nicht bei den Hausaufgaben helfen kann ohne zu befürchten, ihr Fehler beizubringen. Und der die deutsche Sprache und die deutschen Umgangsformen ebenso fremd sind wie ihrer Tochter die iranischen zehn Jahre später.

Nach der Lesung gab es im gut besetzten Jünglingshaus reichlich Applaus für die hochgelobte Nachwuchsautorin. Foto: Renate Hotse/pp/Agentur ProfiPress

Nach der Lesung gab es im gut besetzten Jünglingshaus reichlich Applaus für die hochgelobte Nachwuchsautorin. Foto: Renate Hotse/pp/Agentur ProfiPress

Shida Bazyar liest mit ruhiger, klarer Stimme, zieht die zahlreich erschienenen und mucksmäuschenstill lauschenden Zuhörer im nahezu ausverkauften Jünglingshaus sofort in ihren Bann. Als ein Klingeln ertönt, unterbricht sie ihren Vortrag und wartet geduldig und mit einem amüsierten Lächeln, bis das Handy stillgelegt ist. Emigration und Immigration, Entwurzelung und Identitätssuche sind die Themen ihres Romans, den Thomé treffend als ebenso poetisch wie aktuell angekündigt hatte. Nur eines ist er nicht: autobiographisch. Darauf besteht Shida Bazyar. Trotzdem weiß sie, wovon sie schreibt: Auch ihre Eltern flohen als politische Aktivisten 1987 vor den Folgen der Islamischen Revolution aus dem Iran. Shida Bazyar wurde 1988 in Hermeskeil im Hunsrück geboren, dort wuchs sie auch auf. Sie selbst sei vor vier Jahren zuletzt in Teheran gewesen, gab sie dem Publikum bereitwillig Auskunft. Persisch schreibe und spreche sie „wie eine Zweitklässlerin“.

An der Universität in Hildesheim, wo sie Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus studiert habe, sei man alles andere als begeistert von den vier Erzählsträngen ihres Romans gewesen, verriet Thomé dem Publikum. Ebenso ungewöhnlich sei ihr völliger Verzicht auf Anführungszeichen bei der wörtlichen Rede. Letzteres sei tatsächlich ein „großes Thema beim Verlag“ gewesen, gestand die junge Autorin, die aber allen kritischen Anmerkungen zum Trotz an ihrer eigenwilligen Schreibweise festgehalten habe. Die vier Erzählperspektiven habe sie „spannend“ gefunden, und die Anführungszeichen hätten beim nachträglichen Versuch, sie einzusetzen, „gestört“, erklärte sie freimütig.

Schlange standen die Zuhörer nach der Lesung, um sich von Shida Bazyar ein Buch signieren zu lassen. Foto: Renate Hotse/pp/Agentur ProfiPress

Schlange standen die Zuhörer nach der Lesung, um sich von Shida Bazyar ein Buch signieren zu lassen. Foto: Renate Hotse/pp/Agentur ProfiPress

Dem Lob der Kritik tat die unorthodoxe Schreibweise jedenfalls keinen Abbruch, und „ganz frisch“, so Guido Thomé, sei die Nominierung des Romans für den mit 10.000 Euro dotierten Klaus-Michael-Kühne-Preis für das beste Romandebüt. Den richtigen Riecher hatte demnach der Programmbeirat der Lit.Eifel bewiesen, der es sich unter anderem zum Ziel gesetzt hat, jungen vielversprechenden Nachwuchsautoren wie Shida Bazyar eine Bühne zu bieten.

Im Anschluss an die Lesung signierte sie eine halbe Stunde lang mitgebrachte oder am Büchertisch gekaufte Bücher und posierte auf Wunsch stets mit einem liebenswürdigen Lächeln für Selfies.

pp/Agentur ProfiPress

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