23. Mai 2016

Der Blick auf den Menschen

Leslie Malton erzählt berührend über ihre am Rett-Syndrom erkrankte Schwester

Prüm – Einen eindrucksvoll persönlichen Abend hat die bekannte Schauspielerin Leslie Malton knapp 500 Besuchern des Eifel-Literatur-Festivals in Prüm geboten. Sie las dort aus ihrem Buch „Brief an meine Schwester“, einer Liebeserklärung an ihre am Rett-Syndrom erkrankte, schwerbehinderte Schwester Marion.

„Warum sie, warum nicht ich?“ Echt wirkt die Betroffenheit, mit der sich Leslie Malton (58) diese Frage beim Blick auf die in ihrer Familie so ungleich verteilten Schicksale stellt. Sie selbst steht als erfolgreiche Schauspielerin im Rampenlicht, führt ein abwechslungsreiches selbstbestimmtes Künstlerleben in Berlin. Ihre nur elfeinhalb Monate jüngere Schwester Marion hingegen ist in Maltons Heimatland USA seit Jahrzehnten in einer Betreuungseinrichtung untergebracht und rund um die Uhr auf fremde Hilfe angewiesen.

In der Aula der ehemaligen Grundschule in Prüm freut sich Schauspielerin Leslie Malton über den Applaus nach ihrer Autorenlesung. Foto: Harald Tittel/ELF/pp/Agentur ProfiPress

In der Aula der ehemaligen Grundschule in Prüm freut sich Schauspielerin Leslie Malton über den Applaus nach ihrer Autorenlesung. Foto: Harald Tittel/ELF/pp/Agentur ProfiPress

Ihre zunächst normale Entwicklung hatte im Alter von etwa einem Jahr zu stocken begonnen. Alle neu erlernten motorischen und sprachlichen Fähigkeiten gingen wieder verloren. Erst seit vier Jahren kenne sie die Ursache für Marions schwere Beeinträchtigungen, berichtet Leslie Malton. Da habe ihr der Zufall einen Artikel des Tagesspiegels über das Rett-Syndrom in die Hände gespielt. Plötzlich habe das jahrzehntelange Rätselraten ein Ende gehabt, aber auch ein Schuldgefühl, das sie mit sich herumtrug. Lange glaubte sie, sie selbst habe ihre Schwester durch Ansteckung mit einem fiebrigen Infekt krank gemacht.

Die Erkenntnis, dass ein Gen-Defekt, noch dazu der zweithäufigste nach dem Down-Syndrom, verantwortlich war, habe Fragen und ein Bedürfnis zu handeln bei ihr ausgelöst: „Warum hat das in über 50 Jahren keiner der Ärzte, die wir konsultiert haben, erkannt, und warum wird diese Krankheit auch heute noch so oft fehlinterpretiert?“ Seit drei Jahren engagiert sich Malton aktiv als Botschafterin der Elternhilfe für Kinder mit Rett-Syndrom. „Ich möchte Bewusstsein schärfen, sensibilisieren, sagt Malton, „denn es ist wichtig, eine Definition zu haben, um die Basis für den richtigen Umgang zu schaffen“.

In diesem Zusammenhang ist auch ihr Buch „Brief an meine Schwester“ mit Autorin Roswitha Quadflieg entstanden, dessen gesamter Erlös der Hilfe für Rett-Kinder zugutekommt. Obwohl sie nicht gerne Persönliches in der Öffentlichkeit preisgebe, stelle sie hier gerne ihre Popularität in den Dienst der Aufklärung, sagt die sehr besonnen und ernsthaft wirkende Schauspielerin. Die Passagen, die sie mit formvollendetem Ausdruck liest, sind jedoch nicht nur solche, die über das Rett-Syndrom aufklären. Sie sind vor allem eine Liebeserklärung an die Schwester.

Nach der Lesung im Rahmen des Eifeler Literatur Festivals gab es eine Signierstunde mit der sympathischen Schauspielerin. Foto: Harald Tittel/ELF/pp/Agentur ProfiPress

Nach der Lesung im Rahmen des Eifeler Literatur Festivals gab es eine Signierstunde mit der sympathischen Schauspielerin. Foto: Harald Tittel/ELF/pp/Agentur ProfiPress

Über die Briefform entwickelt Leslie Malton einen virtuellen Dialog mit Marion, erzählt ihr vom eigenen Leben, stellt ihr Fragen, versucht, sich in sie hineinzuversetzen. Sie lässt Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse aufblühen, die mit zartem Humor Erfrischung in den nachdenklichen Grundton bringen. Nebenbei erfahren die Zuhörer Details aus Leslie Maltons Schauspielerinnen-Karriere, deren Grundstein sie ihrer Schwester zuschreibt: „Du hast mir das Alphabet der Körperlichkeit beigebracht. Ohne das läuft auf der Bühne oder vor der Kamera nichts“.

Bei Maltons teils ergreifenden, teils auch theatralischen Worten ist es mucksmäuschenstill im Saal. Schließlich vermittelt sie über ihren Blick, ihre Erfahrungen einen eindringlichen Appell: alle Menschen in ihrer Besonderheit als Menschen zu sehen, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen und zu begreifen, dass sie alle etwas geben können.

ELF/pp/Agentur ProfiPress




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