6. Mai 2016

„Alles geladene Gäste“

Verlegerlegende Reinhold Neven Du Mont zu Gast bei der Lit.Eifel 2016 – Im Gespräch mit Reinhold Joppich verriet der 79-jährige Lustiges, Bewegendes und Skurriles aus der Welt der Bücher

Nettersheim/Eifel – Nicht nur Lesen bildet, auch Zuhören: So bekamen rund 35 Lit.Eifel-Gäste am Mittwochabend im Literaturhaus Nettersheim aus dem Munde von Altverleger Reinhold Neven Du Mont (Kiepenheuer & Witsch) bewegte Szenen eines Lebens geschildert, das auch nach Neven Du Monts Ausscheiden aus dem Verlag noch immer um das geschriebene und in Buchform herausgegebene Wort kreist.

Zum Beispiel nahm Neven Du Mont sein fasziniertes Publikum mit zum Nachtmahl für Obdachlose in einem vornehmen Hotel, zu dem Günter Wallraff Gestrandete, Penner und Bettler aus der Bahnhofsmission aufgelesen und eingeladen hatte. „Das sind alles geladene Gäste, wir werden erwartet“, rief Enthüllungsautor Wallraff dem Hotelpersonal entgegen, das schon im Begriff stand, der ungewöhnlichen Gästeschar den Eintritt zu verwehren.

Alfred Piehler (2.v.r.), der Stellvertreter von Nettersheims Bürgermeister Wilfried Pracht, begrüßte rund 35 Literaturfreunde sowie die Hauptakteure des Abends (von links), Reinhold Neven Du Mont und Reinhold Joppich. Ganz rechts Joachim Starke vom Literaturhaus Nettersheim, das den Abend gemeinsam mit der Lit.Eifel 2016 veranstaltete. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Alfred Piehler (2.v.r.), der Stellvertreter von Nettersheims Bürgermeister Wilfried Pracht, begrüßte rund 35 Literaturfreunde sowie die Hauptakteure des Abends (von links), Reinhold Neven Du Mont und Reinhold Joppich. Ganz rechts Joachim Starke vom Literaturhaus Nettersheim, das den Abend gemeinsam mit der Lit.Eifel 2016 veranstaltete. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Die Zeche für Dinner, Hotelübernachtung und einen Zuschuss für die nächsten Tage teilten sich Autor und Verleger: Es war der Beginn einer langen Freundschaft . . .

Die Rede in Reinhold Neven Du Monts neuem Buch „Mit Büchern und Autoren“ wie beim Nettersheimer Vorleseabend war auch von einem anderen Dinner an der Seite der italienischen Schriftstellerein Oriana Fallacis, für deren Liebhaber Reinhold Neven Du Mont gehalten wurde, nur weil sie ihren charmanten deutschen Jungverleger dem eigentlichen Gast- und Geldgeber des teuren Dinners als Tischherrn vorgezogen hatte.

„Nicht mit Zehntausend, höchstens mit 1200 Frauen“

Neven Du Mont nahm seine Lit.Eifel-Zuhörer im Zwiegespräch mit seinem früheren Vertriebsleiter Reinhold Joppich erzählend und vorlesend auch mit an den Lago Maggiore in die Villa Erich Maria Remarques, mit dem er seinen letzten Roman besprach, der dann – nach Remarques Tod, von wem auch immer zu Ende geschrieben – unter anderem Titel in einem anderen Verlag erschien. Neven Du Mont: „Ich habe ihn mir nie gekauft.“ Dabei hat er Remarque über alle Maße geschätzt. Schon als Schüler hatte Neven Du Mont über „Im Westen nichts Neues“ referiert, was ihn für Remarque bei der realen Begegnung am Lago Maggiore gleich einnahm.

Nicht nur, aber auch amüsante Geschichten aus seinem ereignisreichen Verlegerleben erzählte Reinhold Neven Du Mont bei der Lit.Eifel 2016. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Nicht nur, aber auch amüsante Geschichten aus seinem ereignisreichen Verlegerleben erzählte Reinhold Neven Du Mont bei der Lit.Eifel 2016. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Auch in die skurril mit Not-OP ausgestattete Lausanner Villa des belgischen Maigret-Erfinders Georges Simenon nahm Neven Du Mont sein Nettersheimer Publikum mit. Wo Simenons Gattin das von Simenon selbst in die Welt gesetzte Gerücht korrigierte, der Vielschreiber (übrigens unter Pseudonym auch von hunderten Groschenheften und erotischen Romanen) habe im Laufe seines Leben „mit zehntausend Frauen geschlafen“: „Es waren höchstens 1200.“

Köstlich auch die Anekdote, wie der zu der Zeit amtierende Bundesverteidigungsminister und spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt mit einem Tross Sicherheitsleuten im Garten von Reinhold Neven Du Monts Privathaus vor den Toren Kölns auftauchte. Und zwar mit Blumen für die Gattin und gewappnet für einen Gesprächsabend mit dem Hausherrn.

Kein Bier und Buletten für Helmut Schmidt

Neven Du Monts Töchter fragten den Papa, als Schmidt schließlich vorne herum zur Haustür eintrat: „Wer ist das?“ An dem Abend gab es Kartoffelsalat und Buletten, erinnerte sich Reinhold Neven Du Mont, dazu vielleicht eine Flasche Bier. Helmut Schmidt wäre zu einem solchen Essen gerne geblieben, sagte er, doch dann klärte sich das Missverständnis gesprächsweise auf:

30 Jahre Vertriebsleiter bei „Kiepenheuer & Witsch“ war Reinhold Joppich. Jetzt begleitete er seinen Ex-Chef als Interviewpartner zur Lit.Eifel Veranstaltung nach Nettersheim. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

30 Jahre Vertriebsleiter bei „Kiepenheuer & Witsch“ war Reinhold Joppich. Jetzt begleitete er seinen Ex-Chef als Interviewpartner zur Lit.Eifel Veranstaltung nach Nettersheim. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Der Bundesminister war in Wahrheit nicht beim Buchverleger Reinhold Neven Du Mont eingeladen, sondern bei dessen Bruder, Zeitungsverleger Alfred Neven Du Mont. Die grauen Herren aus Schmidts Eskorte hatten sich bei der Recherche vertan. Auf dem Weg dorthin bekam Schmidt das frischgedruckte „Schwarzbuch Strauß“ über seinen Vorgänger als Verteidigungsminister mit. . . .

Es gab bei der Lit.Eifel 2016 aber nicht nur anekdotenhafte Episoden aus dem Leben des Verlegers. Sehr bewegend war zum Beispiel Reinhold Neven Du Monts Abschied von Heinrich Böll. „Ich kann nicht mehr“, sagte der Literaturnobelpreisträger an der Haustür zu seinem Verleger. Und der umarmte ihn stumm, sekundenlang, was er noch nie zuvor getan hatte, und nachher nicht mehr würde tun können, weil Böll kurz darauf starb.

Reinhold Neven Du Mont verlegte nicht nur sein letztes Buch „Frauen vor Flusslandschaft“, sondern später auch das Frühwerk „Der Engel schwieg“ und schließlich die von internationalen Literaturwissenschaftlern kommentierte 27-bändige Gesamtausgabe, das größte verlegerische Projekt in der Geschichte von „Kiepenheuer & Witsch“. Neven Du Mont: „Wir lassen unsere Autoren nicht fallen, auch wenn das Interesse der Leser nach dem Tode ziemlich rasch erlischt . . .“

Nicht nur das autobiographische neue Buch „Mit Büchern und Autoren – Mein Leben als Verleger“ hatte Buchhändlerin Brigitte Crump-Schooß von der Buchhandlung „Lesezeichen“ ausgelegt, sondern auch Reinhold Neven Du Monts bei C.H.Beck erschienene Romane „Die Villa“ und „Der Maskensammler“. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Nicht nur das autobiographische neue Buch „Mit Büchern und Autoren – Mein Leben als Verleger“ hatte Buchhändlerin Brigitte Crump-Schooß von der Buchhandlung „Lesezeichen“ ausgelegt, sondern auch Reinhold Neven Du Monts bei C.H.Beck erschienene Romane „Die Villa“ und „Der Maskensammler“. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Der Entdecker des späteren Literaturnobelpreisträgers Gabriel José García Márquez („100 Jahre Einsamkeit“) und des Undercover-Enthüllungsautors Günter Wallraff („Der Aufmacher. Der Mann, der bei Bild Hans Esser war“) las im Nettersheimer Literaturhaus aus dem autobiographischen Band „Mit Büchern und Autoren – Mein Leben als Verleger“), der in „seinem“ früheren Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienen ist. Zuvor hatte sich der im Unruhestand lebende einstige Verleger selbst als schöngeistiger Autor zweier bei C.H. Beck erschienenen Romane („Die Villa“ und „Der Maskensammler“) betätigt.

Zum Verleger wurde Reinhold Neven Du Mont auf Umwegen. Das Zeitungsimperium erbte gemäß der Familientradition der ältere Bruder Alfred. Für das Auskommen des jüngeren Bruders und der beiden Schwestern hatte ebenfalls familientraditionell die Mutter zu sorgen, so sie denn Vermögen hatte.

Joseph Caspar Witsch: Lehrjahre unter einem Patriarchen

„Meine Mutter stammte aus Oberbayern und hätte mir am liebsten dort einen Bauernhof gekauft“, erzählte Reinhold Neven Du Mont: „Doch so weit ging meine Liebe zur Natur nun doch nicht“. Er studierte Soziologie und Literaturwissenschaft in München und Freiburg, promovierte zum Dr. phil. – und, was sich als entscheidender herausstellen sollte – verliebte sich in die Tochter von Joseph Caspar Witsch vom Verlag „Kiepenheuer & Witsch“.

„Gegen juristisches Dauerfeuer haben wir seinerzeit eine Taktik entwickelt“, erzählte Reinhold Neven Du Mont bei der Lit.Eifel: „Wenn uns bestimmte Sätze aus Wallraffs Büchern untersagt worden sind, dann hat sie der Autor meistens durch noch schärfere Formulierungen ersetzt.“ Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

„Gegen juristisches Dauerfeuer haben wir seinerzeit eine Taktik entwickelt“, erzählte Reinhold Neven Du Mont bei der Lit.Eifel: „Wenn uns bestimmte Sätze aus Wallraffs Büchern untersagt worden sind, dann hat sie der Autor meistens durch noch schärfere Formulierungen ersetzt.“ Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Der künftige Schwiegervater gab ihm nicht nur wertvolle Tipps für die Doktorarbeit über Buchgemeinschaften, er holte ihn nach Hospitanzen und einem Volontariat bei Koesel und dtv in den eigenen Verlag nach Köln. „Unter einem Patriarchen zu dienen, das ist, um es einmal vorsichtig auszudrücken, keine reine Freude“, sagte Reinhold Neven Du Mont über die frühen Jahre ab 1963 bei „Kiwi“, wie der Verlag auch kurz genannt wird.

Als der Schwiegervater starb, waren die Lektoren Dieter Wellershoff (Belletristik) und Carola Stern (Sachbuch) das Glück des noch unerfahrenen jungen Verlagschefs, der „Kiepenheuer & Witsch“ 1969 vollends übernahm.

Es gelang Neven Du Mont, die meisten Autoren zu halten, welche bis dahin das Profil des politischen und dem jeweils gegenwärtigen gesellschaftlichen Diskurs verpflichteten Verlages geprägt hatten. Zusätzlich öffnete er mit neuen Autoren wie Wallraff und Bukowski und deren sozialkritischen Themen das Verlagsprogramm.

„Kiepenheuer & Witsch“ hatte sich schon bis dahin mit durchaus umstrittenen Autoren wie Joseph Roth, Heinrich Böll, Dario Fo, Gabriel García Márquez einen Namen gemacht, aber Reinhold Neven Du Mont scheute auch nicht aufsehenerregende Prozesse und einstweilige Verfügungen mit Auslieferungsstopps und geschwärzten Passagen in bereits gedruckten Werken.

„Ich war 33 Jahre jung und stand unter Beobachtung in der Verlags- und Literaturszene“, erinnert sich Reinhold Neven Du Mont in seinem neuesten Buch „Mit Büchern und Autoren“: „Nach der Entdeckung von Garcia und Wallraff guckte man mich dann schon anders an.“ Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

„Ich war 33 Jahre jung und stand unter Beobachtung in der Verlags- und Literaturszene“, erinnert sich Reinhold Neven Du Mont in seinem neuesten Buch „Mit Büchern und Autoren“: „Nach der Entdeckung von Garcia und Wallraff guckte man mich dann schon anders an.“ Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

Wallraffs frühe Bild-Bücher wurden ebenso beklagt wie Salman Rushdies Roman „Satanische Verse“, Pharmakonzerne zogen ebenso gegen „Kiepenheuer & Witsch“ zu Felde wie die Medienimperien. Dabei sei er von Natur aus ein friedfertiger Mensch, verriet Neven Du Mont bei der Lit.Eifel: „Aber wenn die Entscheidung für ein Buch gefallen ist, dann muss der Verlag auch zu ihm stehen.“

Das Nettersheimer Lit.Eifel-Publikum hatte einen kurzweiligen und gleichzeitigen spannenden und lehrreichen Abend. Lesen und Zuhören bildet. Vor allem aus der Feder und dem Munde des Verlegers Reinhold Neven Du Mont, vom dem dieser Satz legendär wurde: „Bücher riechen gut, Zeitungen nicht. Mit Büchern umgeben sich die Menschen, aber ich kenne niemanden, der gerne mit Zeitungsstapeln lebt. Die gelesene Zeitung schmeißt man weg, ein Buch kann man nicht wegwerfen.“

„Eigentlich bin ich ein friedlicher Mensch“, verriet Reinhold Neven Du Mont (r.), hier bei der Signierstunde auf der Lit.Eifel in Nettersheim, aber wenn er sich als Verleger einmal für ein Buch und einen Autor entschieden hatte, dann stand er auch zu ihm – notfalls durch alle juristischen Instanzen bis zum Bundesgerichtshof, wie bei der Auseinandersetzung mit der Bildzeitung über Günter Wallraffs frühe Werke. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

„Eigentlich bin ich ein friedlicher Mensch“, verriet Reinhold Neven Du Mont (r.), hier bei der Signierstunde auf der Lit.Eifel in Nettersheim, aber wenn er sich als Verleger einmal für ein Buch und einen Autor entschieden hatte, dann stand er auch zu ihm – notfalls durch alle juristischen Instanzen bis zum Bundesgerichtshof, wie bei der Auseinandersetzung mit der Bildzeitung über Günter Wallraffs frühe Werke. Foto: Manfred Lang/pp/Agentur ProfiPress

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