21. September 2015

Erinnerungen an die Blütezeit des Elektropop

Rüdiger Esch und Wolfgang Flür kamen zur Lit.Eifel-Veranstaltung nach Eupen – Spannendes und Witziges aus einer spannenden Zeit

Eupen – Fehlfarben, Neu!, Kraftwerk, DAF, Der Plan, Rheingold: Diese Bands aus Deutschland stehen für eine Musikrichtung, der Rüdiger Esch, Bassist der „Krupps“ sein Buch „Electri_City“ gewidmet hat. Daraus sollte er bei einer Lit.Eifel-Veranstaltung im neuen Eupener Kulturzentrum „Alter Schlachthof“ eigentlich vorlesen, zumindest war es so angekündigt.

Rund 100 Zuhörer waren in das neue Eupener Kulturzentrum „Alter Schlafhof“ gekommen, wo mit Rüdiger Esch und Wolfgang Flür zwei Veteranen des Elektropop ihre „Belgien-Premiere“ gaben. Foto: Renate Hotse/pp/Agentur ProfiPress

Rund 100 Zuhörer waren in das neue Eupener Kulturzentrum „Alter Schlachthof“ gekommen, wo mit Rüdiger Esch und Wolfgang Flür zwei Veteranen des Elektropop ihre „Belgien-Premiere“ gaben. Foto: Renate Hotse/pp/Agentur ProfiPress

Um es vorwegzunehmen: Sein Buch nahm Esch erst am Ende zur Hand, nämlich um es für die Schlange stehenden Freunde des Elektropop zu signieren. Stattdessen erwartete die zirka 100 Zuhörer im außergewöhnlichen Ambiente des aufwendig restaurierten und zum Kulturhaus umfunktionierten „Alten Schlachthof“ ein äußerst kurzweiliger Abend mit dem Autor und Wolfgang Flür, dem langjährigen Drummer der Düsseldorfer Band „Kraftwerk“. Die beiden Veteranen einer „phantastischen Zeit“ (Flür) lieferten sich gegenseitig die Stichworte für spannende Erzählungen aus den ersten 16 Jahren des Elektropop, der Zeit von 1970 bis 1986, die Flür in Bezug auf Kraftwerk „fast wie ein modernes Märchen“ erschien.

Mit der Veröffentlichung des Albums „Autobahn“ im Jahr 1974, als offiziell erstes Elektropop-Album, wurden Kraftwerk, mit Flür als neuem Drummer, international bekannt. Für die USA-Ausgabe wurde ein anderes Cover verwendet als für die deutsche, nämlich das deutsche Piktogramm für Autobahn-Verkehrsschilder, weiß auf blauem Hintergrund. In Anlehnung daran ziert den Buchdeckel von „Electri_city“ ein stilisierter Strommast in derselben Farbgebung. „In unseren Studios entstand die Musik, die um die Welt gehen sollte“, erinnerte sich Flür, der das Vorwort zu Eschs Buch schrieb. Man wollte der „amerikanischen Übermacht“ etwas Eigenes entgegensetzen, eine europäische Identität, blickte Flür zurück.

Dicht gedrängt standen die Zuhörer am Büchertisch, um sich von Rüdiger Esch (r.) und Wolfgang Flür (sitzend) Bücher signieren zu lassen. Foto: Renate Hotse/pp/Agentur ProfiPress

Dicht gedrängt standen die Zuhörer am Büchertisch, um sich von Rüdiger Esch (r.) und Wolfgang Flür (sitzend) Bücher signieren zu lassen. Foto: Renate Hotse/pp/Agentur ProfiPress

Der Musiker kam, wie zu „Roboter“-Zeiten, im Anzug gekleidet nach Eupen, „unsere Belgien-Premiere“, wie Esch anmerkte. Schon durch ihr Äußeres unterschied sich Kraftwerk in den siebziger Jahren von anderen Bands. Flür: „Wir taten das Unmögliche, kauften uns Anzüge und banden uns Krawatten um.“ Im Laufe des Abends entpuppte sich der Schlagzeuger, der ursprünglich in Düsseldorf Innenarchitektur studiert hatte, als witziger und pointierter Erzähler. Wenn Flür erzählt, erscheint die Band, die unzählige Musiker – darunter David Bowie – inspirierte, weitaus weniger geheimnisvoll und herrlich. Gleiches gilt für Düsseldorf, das als „Wiege der elektronischen Pop-Musik“ schlagartig bekannt wurde. „In Düsseldorf gibt es Bands, die ihre Herkunft als Geschenk betrachten und sogar im Namen verewigen“, verwies Esch auf die Band „La Düsseldorf“. Doch neben all dem Großen mache eben auch gerade das Provinzielle das Leben in der Stadt aus, ergänzte Flür.

Ausgerechnet die Tatsache, dass er kein begnadeter Drummer gewesen sei, sei im Grunde seine Chance bei Kraftwerk gewesen, erzählte Flür in Eupen mit einer gehörigen Portion Selbstironie. „Die einfachen Beats waren mein Glück. Mein Vorgänger hat zu viel geknüppelt, das passte nicht. Da haben die sich gedacht: Versuchen wir es mal mit dem Wolfgang.“

Rüdiger Esch (l.) und Wolfgang Flür plauderten in Eupen aus dem Nähkästchen. Den Freunden des Elektropop bereiteten sie im Rahmen der Lit.Eifel einen äußerst kurzweiligen Abend im „Alten Schlachthof“. Foto: Renate Hotse/pp/Agentur ProfiPress

Rüdiger Esch (l.) und Wolfgang Flür plauderten in Eupen aus dem Nähkästchen. Den Freunden des Elektropop bereiteten sie im Rahmen der Lit.Eifel einen äußerst kurzweiligen Abend im „Alten Schlachthof“. Foto: Renate Hotse/pp/Agentur ProfiPress

Er bestand darauf, aus seinem eigenen Buch „Ich war ein Roboter“ eine Passage vorzulesen. Dabei handelte es sich um die urkomische Schilderung einer Blamage bei einem Auftritt 1975 in Liverpool. Erstmals sollte eine spezielle Konstruktion zum Einsatz kommen, die er den „Drum-Käfig“ nannte: ein Chromgestell mit Lichtsensoren. Mittels Handbewegungen sollte er die Beats erzeugen. „Da stand ich im Lichtkegel, mit silbernen Handschuhen, und die Maschine, auf die ich so stolz war, versagte.“ Ein englischer Konzertkritiker, der seinerzeit über die vier Eletroniker aus Düsseldorf berichtet e, wunderte sich über die „merkwürdigen Handbewegungen des Drummers, die an einen Verkehrspolizisten erinnerten“. Seltsamerweise habe der Drum-Käfig kurz darauf bei einem ansonsten völlig improvisierten Auftritt in Frankreich funktioniert, Trotzdem habe man das Experiment aus praktischen Gründen beendet. „Weil der Aufbau viel zu lange dauerte.“

„Electri_city“, so Wolfgang Flür, sei das erste Buch, das nicht ausschließlich über Kraftwerk berichtet. Im Gegenteil: Esch lässt 50 Pioniere aus der Zeit zu Wort kommen. „Es ist die wörtliche Rede derer, die dabei waren.“ Die „explosiven Gesprächsprotokolle“, so Flür, habe Rüdiger Esch kenntnisreich zusammengefügt. „Nichts bleibt dem Leser verborgen, auch nicht die Brüche und Dissonanzen.“ Die Dokumentation einer „spannenden Zeit, die nicht wiederkommen kann, ohne Computer, ohne Smartphone und ohne Tablets“.

Videoeinspielungen ließen die analoge Entstehungsgeschichte des Elektropop lebendig werden. Und im Anschluss an die Signierstunde gab es dann noch Live-Musik: Der Düsseldorfer Avantgarde-Musiker Sølyst alias Thomas Klein, Schlagzeuger der Band Kreidler und Marc Matter, Dozent am Institut für Musik und Medien (IMM) der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf, auch bekannt als Mr. Mueck, DJ im alternativen Düsseldorfer Elektroclub „Salon des Amateurs“, ließen den Abend mit einer Performance ausklingen.

pp/Agentur ProfiPress

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