10. August 2015

Erinnerung an die einstige Pracht

Im Kloster Steinfeld gibt es noch zwei der historischen Glasmalereien aus dem Kreuzgang – Neue Nachforschungen stehen an – Geldgeber für die Rückführung weiterer Fenster aus England in die Eifel gesucht

Kall-Steinfeld – 39 Scheiben aus den Fenstern im Kreuzgang des Salvatorianer-Klosters in Steinfeld gehören seit 1928 zu den Schätzen des Victoria and Albert Museums in London. Man mag es kaum glauben, aber alle Fenster wurden nach Aufhebung der früheren Prämonstratenser-Abtei im Jahr 1802 zu Spottpreisen nach England verschleudert. Heute dürfte ihr Wert unschätzbar hoch sein.

Schulleiter Heinrich Latz forscht nach den Glasmalereien des Steinfelder Kreuzgangs. Foto: Renate Hotse/pp/Agentur ProfiPress

Schulleiter Heinrich Latz forscht nach den Glasmalereien des Steinfelder Kreuzgangs. Foto: Renate Hotse/pp/Agentur ProfiPress

Am Originalplatz in Steinfeld selbst gibt es nur noch eine Scheibe sowie ein Fragment. Bernward Meisterjahn und Heinrich Latz, der eine früherer und der andere aktueller Schulleiter des Steinfelder Hermann-Josef-Kollegs, wollen in den nächsten Jahren über bestehende Kontakte versuchen, die eine oder andere Scheibe aus England wieder in die Eifel zu holen. „Das würde das Kloster Steinfeld enorm aufwerten. Wir können nur hoffen, dass wir genug Geldgeber finden“, wünscht sich Heinrich Latz, der bereits ein erstes Gespräch in die Richtung geführt hat. Dass sich das Londoner Museum von seinen Schätzen trennen könnte, hält er für ausgeschlossen: „Dafür sind die Fenster viel zu wertvoll.“

Der englische Kunsthistoriker David J. King hat weitere 56 Scheiben aus dem Kloster Steinfeld in verschiedenen englischen Kirchen ausfindig machen können. Zahlreiche andere sind nach wie vor unentdeckt. Durch einen glücklichen Zufall ist es 1998 Pater Bernward Meisterjahn, dem früheren Schulleiter des Hermann-Josef-Kollegs in Steinfeld und Heinrich Latz, dem jetzigen Schulleiter, gelungen, eine Scheibe aus England zurück in die Eifel zu bringen. Dort befindet sie sich wieder an ihrem ursprünglichen Platz – als eines von zwei Zeugnissen der aus dem 16. Jahrhundert stammenden kostbaren Glasmalereien.

Der hl. Apostel Simon mit seinem Armreliquiar kehrte 1973 ins Kloster Steinfeld zurück. Foto: Renate Hotse/pp/Agentur ProfiPress

Der hl. Apostel Simon mit seinem Armreliquiar kehrte 1973 ins Kloster Steinfeld zurück. Foto: Renate Hotse/pp/Agentur ProfiPress

„Es waren nicht, wie oft behauptet wird, Napoleons Truppen“, stellt Heinrich Latz in Bezug auf den „Ausverkauf“ der klösterlichen Kostbarkeiten richtig. Zwar seien die Fenster im Kreuzgang wegen der Kriegswirren insgesamt fünfmal aus- und wieder eingebaut worden, um zu verhindern, dass die Bleiumrandung der Herstellung von Munition zum Opfer fiel. Doch der endgültige Ausbau der Fenster im Jahr 1785 war schlicht einer „Mode“ geschuldet. „Man hatte sich an den bunten Fenstern satt gesehen, stattdessen wollte man mehr Licht und helle Fenster.“

Mangelnder Kunstsinn habe schließlich dazu geführt, dass die Kostbarkeiten „verscherbelt“ worden seien. So konnten auch kleine englische Pfarreien die heute unschätzbar kostbaren Fenster kaufen. „In England war der Kunstverstand zur damaligen Zeit ausgeprägter und die Fenster hochbegehrt“, sagt Latz.

Dieses Teilstück, das Latz und Pater Bernward in einer kleinen englischen Kirche entdeckten, befindet sich heute wieder im Kreuzgang. Foto: Renate Hotse/pp/Agentur ProfiPress

Dieses Teilstück, das Latz und Pater Bernward in einer kleinen englischen Kirche entdeckten, befindet sich heute wieder im Kreuzgang. Foto: Renate Hotse/pp/Agentur ProfiPress

Seine Schüler waren es übrigens, die 1999 die in der Literatur immer wieder geäußerte Vermutung widerlegten, der Kölner Wein- und Antiquitätenhändler Christian Geerling habe die Fenster an den nach England emigrierten deutschen Tuchhändler Hampp verkauft. Im Rahmen einer Projektarbeit entdeckten die Steinfelder Gymnasiasten bei Recherchen im NRW-Landesarchiv in Brühl jedoch, dass Geerling erst 1797 geboren wurde und somit keinesfalls etwas mit dem Verschwinden der Fenster zu tun haben konnte. „Die Schüler waren sehr stolz, dass ihre Erkenntnisse in die Literatur aufgenommen wurden“, erinnert sich der Schulleiter.

Im Jahr 1998 begaben sich er und Pater Bernward auf eine Reise nach Norfolk, weil sie einem Hinweis nachgehen wollten, dem zu Folge sich eine Scherbe im Wandschrank in der Sakristei einer kleinen Kirche in East Bilney befinden sollte. „Als wir dort ankamen, war die Kirche verschlossen.“ Also besorgten sie sich bei der Frau des Pfarrers den Schlüssel, stellten zu ihrer großen Enttäuschung jedoch fest, dass das Innere des Wandschranks zugemauert war. Beim Hinausgehen fiel ihr Blick auf eine Truhe, die als Ablage diente. Einer inneren Eingebung folgend, räumten sie die Truhe frei, hoben den Deckel und fanden das Fragment.

Die Nachbildung eines Kreuzgangfensters in Originalgröße gehört zu einer umfangreichen Dokumentation zur Geschichte der Fenster. Foto: Renate Hotse/pp/Agentur ProfiPress

Die Nachbildung eines Kreuzgangfensters in Originalgröße gehört zu einer umfangreichen Dokumentation zur Geschichte der Fenster. Foto: Renate Hotse/pp/Agentur ProfiPress

Für einen Moment waren die beiden Eifeler versucht, einen kleinen Kunstraub zu begehen, doch dann siegte die Ehrlichkeit. „Zumal mir Pater Bernward zu bedenken gab, dass er mir als Mitwisser nicht die Beichte abnehmen könne“, erinnerte sich Latz schmunzelnd. Ganz offiziell bat man den Pfarrer, der bis dato nichts von der Existenz des kleinen Kunstschatzes wusste, die Scheibe mitnehmen zu dürfen. Doch dieser zögerte. Zu Hilfe kam ihnen die Ehefrau, „ganz pragmatisch, wie englische Frauen nun einmal sind“, so Latz, selbst mit einer Engländerin verheiratet. „Uns ist die Scherbe gleichgültig, diesen Männern aus Steinfeld bedeutet sie alles, nun gib sie ihnen“, habe sie auf den Pfarrer eingeredet – mit Erfolg.

Die Geschichte von der Rückkehr der kleinen Scheibe nach Steinfeld war einige Jahre später dem Museum Schnütgen von großem Nutzen. Dort kuratierte Dagmar Täube, die langjährige stellvertretende Direktorin des Kölner Museums für christliche Kunst, die 2007 gezeigte Sonderausstellung „Rheinische Glasmalerei“. „Höhepunkt der Schau waren die Steinfelder Fenster, für deren Leihgabe das Victoria and Albert Museum einen horrenden Preis forderte“, erinnert sich Latz. Also lud man den zuständigen Mitarbeiter aus London ein, und Latz erzählte ihm das englische Reiseerlebnis. „So was hatte er noch nie gehört. Danach wurden die Preise neu verhandelt.“

Spätestens zu seiner „in wenigen Jahren anstehenden Pensionierung“, so Latz, wird die Mission „Steinfelder Klosterfenster“ ihn und Pater Bernward wieder nach Norwich führen.

pp/Agentur ProfiPress




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