29. Oktober 2014

Kneipscher Geist wehte durch Steinfeld

Lit.Eifel-Veranstaltung „Vergesst Jakob Kneip nicht“ im Kloster Steinfeld – Katia Franke, Ralf Kramp und Manfred Lang widmeten sich Leben und Werk des in Nettersheim-Pesch beerdigten Schriftstellers – Biografische Einblicke, szenische Lesungen und persönliche Berührungspunkte

Eifel/ Kall-Steinfeld – „Vergesst Jakob Kneip nicht“ lautetet der Titel der jüngsten Lit.Eifel-Veranstaltung im Salvatorianerkloster Steinfeld bei Kall (Kreis Euskirchen). Und beinahe schien es, als habe der 1958 in Nettersheim-Pesch beerdigte Schriftsteller selbst diesen Apell gehört, als wehe ein Kneipscher Geist durch den Abend.

Gleich zu Beginn berichtete die aus Köln stammende und in der Eifel lebende WDR-4-Moderatorin Katia Franke von einer Wanderung am Vortag der Lesung, für die sie sich intensiv mit dem Leben und Werk des 1881 in einem Dorf im Hunsrück geborenen Jakob Kneip auseinandergesetzt hatte. Dabei, so Franke, sei sie von Steinfeld aus gehend, irgendwie „vom Weg abgekommen“, und fand sich schließlich im Kaller Eifeldorf Wahlen wieder, und zwar im „Hunsrückweg“. Als habe Kneip selbst ein wenig die Finger im Spiel gehabt. Auch kenne sie diese Sehnsucht, die der Schriftsteller immer nach dem Landleben hatte, und die ihn schließlich von Köln aus nach Pesch geführt hatte.

Der Schriftsteller Jakob Kneip zog Anfang der 1940er Jahre von Köln nach Pesch, wo er auch begraben ist. Foto: Alice Gempfer/pp/Agentur ProfiPress

Der Schriftsteller Jakob Kneip zog Anfang der 1940er Jahre von Köln nach Pesch, wo er auch begraben ist. Foto: Alice Gempfer/pp/Agentur ProfiPress

Perfekte Choreographie

Katia Franke hatte mit einer perfekten Choreografie den Rahmen für die Veranstaltung geschaffen. In dem so geschaffenen Raum glänzte nicht nur sie selbst als ebenso professionelle wie berührende Sprecherin und Rezitatorin. Optimal ergänzt wurde sie durch den Journalisten, Autor und Mundartexperten Manfred Lang sowie den Krimiautor, Karikaturisten und Verleger Ralf Kramp. Beide sind in der Eifel keine unbeschriebenen Blätter. Nicht zuletzt als zwei Drittel der „Eifel-Gäng“ stehen sie für höchst vergnügliche Unterhaltung, meist der heiteren Art.

Umso beeindruckender, wie das Trio die häufig eher besinnlichen, teils bewegenden Passagen präsentierte. Immer wieder gelang es ihnen scheinbar mühelos, das Publikum mitzunehmen. Mitzunehmen nicht nur auf eine Reise zu den Stationen im Leben und Wirken des Jakob Kneip. Vielmehr entführten sie in – völlig verschiedene – Emotionen und Stimmungen. Dazu wurden die Texte, Gedichte und Romanauszüge des Autors nicht wirklich „rezitiert“, sondern mit Leben gefüllt.

Biografische Hintergründe wie auch Textpassagen aus dem Kneipschen Werk vermittelten Franke, Kramp und Lang den Zuhöreren großenteils mittels szenischer Lesungen, die meist im Dialog vorgetragen wurden. Entgegen kamen ihnen dabei die eindrücklichen, häufig sehr emotionalen Sprachbilder Jakob Kneips, anhand derer sie Landschaften, Menschen, Gefühle – und all das, was dazwischen, was dahinter verborgen liegen mag, in den realen Raum im Kloster Steinfeld holten.

Das Werk Jakob Kneips wird nicht mehr verlegt. Die Kaller Buchhandlung Pavlik bot in Steinfeld aber Bücher aus dem Antiquariat an. Foto: Alice Gempfer/pp/Agentur ProfiPress

Das Werk Jakob Kneips wird nicht mehr verlegt. Die Kaller Buchhandlung Pavlik bot in Steinfeld aber Bücher aus dem Antiquariat an. Foto: Alice Gempfer/pp/Agentur ProfiPress

Das Dorf Pesch entdeckt

Temporeich und temperamentvoll etwa eine Wirtshausszene, die Kneip in seiner Roman-Trilogie „Der Apostel“ über das Leben des Priesters Martin Krimkorn beschreibt, und in der Kramp den Erzähler gab, Franke und Lang schlüpften in die Rollen der zitierten Personen – bis hin zum angedeuteten Durcheinander der Stimmen. Leise und berührend dagegen die Geschichte, in der Kneip in der Stadt „Rheinkastel“ (gemeint ist Köln) eine verwandte Seele, eine junge Frau aus der ländlichen Heimat trifft, die in Not ist, und deren Vertrauen er gewinnt. Heiter wurde es etwa bei Auszügen aus Kneips Roman „Hampit der Jäger“ (1927) mit teils kuriosen Szenen, die prima auch ins „Eifel-Gäng“-Programm gepasst hätten.

Nicht fehlen durften auch zwei von Ralf Kramp vorgetragene Schauergedichte. Das, so Kramp, sei zum einen seiner Vorliebe fürs Metier geschuldet, zum anderen seiner ersten Begegnung mit Jakob Kneip: „Als ich gemeinsam mit Manni Lang die Erzählbände »Abendgrauen« herausbrachte, trug er auch das Gedicht »Die Totenmette« bei“, berichtete Kramp und nahm die Zuhörer mit in ein schauriges Szenario aus Kneips Feder.

Wie Jakob Kneip einst das Dorf Pesch bei seinem ersten Besuch, auf der Suche nach einem Haus, das zum Verkauf stand, entdeckte und erlebte, beschreibt er selbst, Katia Franke lieh ihm in Steinfeld ihre Stimme. Hier, wieder „im Dorf“ nimmt Jakob Kneip, der privat als „uriger, wortkarger und eher einsamer Kauz“ beschrieben wird, wieder am Dorfleben teil, „wie früher im Hunsrück“. Zum 70. Geburtstag widmen ihm die Dorfbewohner gar einen Berg, den sie nach Kneip benennen. „Hier will er auch sterben“, berichtete Franke und lässt den Autor selbst seinen Gedanken schildern. „Der Friedhof liegt sehr gesund“, so Kneip. Hier könne er sich vorstellen einmal zu liegen, „zwischen den Menschen“, den Alten und den Kindern, die unweit spielen. Von diesem Friedhof aus, sinniert Kneip, könne er auch nach seinem Tod noch so manches Mal im Geiste unter ihnen sein.

Die Wahl-Pescherin und Philologin Guste Lingen, entdeckte während der Lesung erstaunliche Parallelen. Foto: Alice Gempfer/pp/Agentur ProfiPress

Die Wahl-Pescherin und Philologin Guste Lingen, entdeckte während der Lesung erstaunliche Parallelen. Foto: Alice Gempfer/pp/Agentur ProfiPress

Eine Passage, die Guste Lingen im Publikum sehr beeindruckte: „Genau so ist es noch heute“, sagt sie, die ebenfalls Wahl-Pescherin ist, „Jakob Kneips Grab liegt tatsächlich so, wie er es vorausschauend beschrieben hat. Der Friedhof mitten im Dorf, in der Nähe Alte und Kinder.“ Überhaupt, so Guste Lingen, habe sie gerade erstaunliche Parallelen festgestellt: „Auch mich hat die Sehnsucht nach dem Land aus Köln nach Pesch geführt, auch ich bin Philologin.“ Jetzt wisse sie zudem, was es mit dem Jakob-Kneip-Weg auf sich habe, auf dem sie oft wandere, und warum auch ein Berg in ihrem Dorf so heißt.

Jakob Kneip starb am 2. Februar 1958 im Alter von 77 Jahren. Auf dem Weg zu einer Lesung war er in Mechernich in den falschen Zug gestiegen. Er wollte umsteigen, stieg aber auf der falschen Seite aus und geriet auf die Gleise, wo er von einem anderen Zug erfasst wurde.

Vielschichtiges Leben und Werk

Die Lit.Eifel-Lesung dokumentierte zum einen, wie facettenreich das Leben Jakob Kneips war. Ein Leben lang fühlte er sich seiner bäuerlichen, von tiefer Religiosität geprägten Herkunft verpflichtet. Mit einer „antipreußischen Gesinnung“ aufgewachsen, studierte er nach dem Abitur zunächst Theologie, später Philosophie und Philologie. Anfang des 19. Jahrhunderts begann seine schriftstellerische Tätigkeit, wenig später (1915) meldete er sich als Kriegsfreiwilliger, wird aber bald in den Schuldienst entlassen. Katia Franke: „Kneip spürte den Krieg als elementaren Aufbruch des deutschen Volkes zu Gott, als heiligen Krieg…“

Bei der Lit.Eifel-Veranstaltung im Kloster Steinfeld brachten Manfred Lang (von links), Katia Franke und Ralf Kramp dem Publikum das Leben und Werk Jakob Kneips näher. Foto: Alice Gempfer/pp/Agentur ProfiPress

Bei der Lit.Eifel-Veranstaltung im Kloster Steinfeld brachten Manfred Lang (von links), Katia Franke und Ralf Kramp dem Publikum das Leben und Werk Jakob Kneips näher. Foto: Alice Gempfer/pp/Agentur ProfiPress

In den 1920er Jahren dann war er in der Friedensbewegung aktiv, quittierte den Schuldienst „da ich das Unheil des Nationalsozialismus heraufkommen sah“, so Kneip in einer Autobiografie. Allerdings; „Während der NS-Zeit gehörte er zu den angepassten Schriftstellern, hat sich in seinem Werke nie gegen die Obrigkeit aufgelehnt.“ Kam den Nazis Kneips Engagement zur Unterstützung des Ersten Weltkriegs und die bäuerlichen Erzählungen zunächst zupass, berichtete Katia Franke, so habe seine zunehmend religiöse Dichtung mehr und mehr deren heidnischer Ausrichtung widersprochen. Jakob Kneip: „Bis 1941 hatte ich meine Wohnung in Köln. Als das Propagandaministerium im April 1941 der gesamten Presse und dem Rundfunk das Gedenken bzw. die Feier meines 60. Geburtstages verbot, wurde die Kontrolle über mich in Köln so verschärft, dass ich mich gezwungen sah, in einem entlegenen Eifeldorf Unterkunft zu suchen…“

Die Veranstaltung ließ zum anderen ahnen, wie vielschichtig das Werk Jakob Kneips ist. „Manches mag durchaus befremdlich wirken, wie etwa die Überhöhung des bäuerlichen Lebens und der Religion“, so Katia Franke. Aber: „Er macht das so konsequent, dass es Freude macht, ihn zu lesen.“

pp/Agentur ProfiPress

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