16. Oktober 2014

Schreiben ist wie Tore schießen

Eifel/Mechernich-Satzvey – Dicke Stahltüren, enge Gänge, wenig Licht. Die Atmosphäre bei der jüngsten Lesung der Lit.Eifel im ehemaligen Atomschutzbunker in Satzvey war gespenstisch. Eine Lesung im Bunker der Landeszentralbank Nordrhein-Westfalens, von dem während des kalten Kriegs niemand wissen durfte? Nun ja – die Organisatoren der Lit.Eifel sind dafür bekannt, Autoren an ungewöhnlichen Orten lesen zu lassen.

Im Rahmen der Lit.Eifel las Burkhard Spinnen aus seinem neuen Roman „Zacharias Katz“. Foto: Joachim Starke/pp/Agentur ProfiPress

Im Rahmen der Lit.Eifel las Burkhard Spinnen aus seinem neuen Roman „Zacharias Katz“. Foto: Joachim Starke/pp/Agentur ProfiPress

Lesungen in gemütlichen und behaglichen Buchhandlungen zählen für Burkhard Spinnen eher zum Alltag. Aber in einem Bunker? Das war auch für ihn neu. Der mehrfach preisgekrönte Autor meinte: „Da meine Geschichte mit dem Protagonisten, der im Bauch eines Schiffes im Gefängnis sitzt, etwas Klaustrophobisches hat, passt das hier ganz gut. Hier sind wir ja auch unter der Erde.“

In der Küche des Atomschutzbunkers, der zwischen 1966 und 1969 mit viel Beton, Stahl, Technik und Millionenaufwand gebaut wurde, sollte die Spitze der Düsseldorfer Landeszentralbank (LZB) im „V-Fall“ – dem Verteidigungsfall – „leben“ und die „Funktionsfähigkeit“ der LZB sicherstellen. Der „V-Fall“ trat Gott sei Dank nie ein, und so waren es jetzt die „Lit.Eifel“-Gäste, die auf den Stühlen im Bunker Platz nahmen. Bevor die eigentliche Lesung losging, konnten sie an einer 90-minütigen Exklusiv-Führung durch den Bunker unter der Satzveyer Schule teilnehmen. Peter Kern vom Team „Bunker-Doku“ gab einige Sicherheitshinweise und schulte die Besucher darin, was zu tun wäre, wenn gar der Strom ausfallen würde.

„Lit.Eifel“-Projektleiter Joachim Starke empfing die Besucher der Lesung im Atomschutzbunker unter der Schule in Satzvey. Foto: Franz Küpper/pp/Agentur ProfiPress

„Lit.Eifel“-Projektleiter Joachim Starke empfing die Besucher der Lesung im Atomschutzbunker unter der Schule in Satzvey. Foto: Franz Küpper/pp/Agentur ProfiPress

„Es wird einem heute noch schlecht, wenn man sieht, wie oft wir auf der Rasierklinge getanzt haben“, sagte „Lit.Eifel“-Projektleiter Joachim Starke einleitend. „Wir waren ganz nah dran, den Globus komplett zu zerstören.“

Spinnens Hauptakteur, der junge Deutschamerikaner Zacharias Katz, hat den Beginn des Ersten Weltkrieges miterlebt. Ihn hat es auf die „Präsident“ verschlagen, ein kleines deutsches Passagierschiff, das in der Karibik Reisende für die großen Ozeandampfer aufsammelt. An Bord der „Präsident“ schreibt Zacharias auf, was ihm die Passagiere aus Deutschland erzählen.

Es sind Geschichten vom Selbstzweifel, vom Verlust der Identität, Episoden aus einer Gesellschaft, die sich auflöst, weil sie nicht mehr an sich glaubt. Als in Europa der Krieg ausbricht, erreicht er auch die „Präsident“. Sie wird zuerst zum Flüchtlingsschiff, dann zum Hilfskreuzer, mit dem ihr Kapitän auf Kaperfahrt geht. Zacharias müsste eigentlich entscheiden, wo er stehen und wer er sein will. Doch gerade weil er das nicht tut, zieht es ihn immer tiefer in den Krieg hinein.

Peter Kern vom Bunker-Team gab vor der Lesung mit Burkhard Spinnen einige Erläuterungen zum Bunker. Foto: Joachim Starke/pp/Agentur ProfiPress

Peter Kern vom Bunker-Team gab vor der Lesung mit Burkhard Spinnen einige Erläuterungen zum Bunker. Foto: Joachim Starke/pp/Agentur ProfiPress

Spinnen gelang es mit seiner einfühlsamen dunklen Stimme, das Potpourri aus Geschichten, ihre Zeit und Akteure in die kühlen Räume des Bunkers zu holen und beinah greifbar zu machen. „Ich gebe zu, dass es nicht einfach ist, aus dem Roman zu lesen“, sagte Spinnen. Er sei eine Sammlung komplexer Geschichten, die untereinander mit der historischen Gegebenheit des Ersten Weltkrieges verbunden sind. „Das Buch ist eine Ernte aus vielen Jahren des Nachdenkens über diese Zeit“, so Spinnen.

Die Zuhörer wollten in einer an die Lesung anknüpfenden Fragerunde wissen, wie der Autor eigentlich zum Schreiben gekommen ist. „Als kleiner Junge habe ich schon immer viel gelesen, und als Gleichaltrige auf das Fußballtor schießen, eine Lokomotive oder ein Raumschiff steuern wollten, entstand bei mir die Freude am Schreiben“, so der 57-jährige Münsteraner. Früher habe er häufig gedacht, dass Schreiben „Zauberei“ sei. Aber: „Wenn man dann mal einen Aufsatz fertig hat, fühlt es sich eher wie ein geschossenes Tor an.“ Spinnen ist ein fleißiger Autor, der aktuelle Roman ist bereits sein 22. Buch.

pp/Agentur ProfiPress

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