30. September 2014

Wetter beeinflusst auch Kriege

Wie wird das Wetter und was lehrt uns die Geschichte: Fragen, die den Meteorologen Karsten Brandt umtreiben – Eifeler Wetterstation am geschichtsträchtigen „Weißen Stein“ in Hellenthal-Udenbreth ganz im Süden des Kreises Euskirchen – Spannende Erläuterungen bei Führung über das Gelände

Hellenthal-Udenbreth – Wenn Karsten Brandt joggen geht, dann bewegt er sich auf geschichtsträchtigem Boden. Nicht weit von seinem Haus am „Weißen Stein“ in Udenbreth passiert er die Spuren von ehemaligen Bunkern aus dem Zweiten Weltkrieg und vor allem die Höckerlinie des Westwalls. Hier, am höchsten Punkt von Nordrhein-Westfalen, betreibt Brandt die Station seines Wetterdienstes „Donnerwetter“. Auf den ersten Blick zwei Dinge, die nichts miteinander zu tun haben, doch der Meteorologe erklärte jetzt bei einer Führung, wie viel die Wetterkunde und die Weltkriege tatsächlich miteinander zu tun haben.

Nicht weit von der Wetterstation am „Weißen Stein“ in Udenbreth verläuft die Höckerlinie des Westwalls. Foto: Stephan Everling/pp/Agentur ProfiPress

Nicht weit von der Wetterstation am „Weißen Stein“ in Udenbreth verläuft die Höckerlinie des Westwalls. Foto: Stephan Everling/pp/Agentur ProfiPress

Neben seinem Doktor in Meteorologie hat Brandt unter anderem auch Geschichte studiert, so dass die geschichtlichen Zusammenhänge bei ihm auf fruchtbaren Boden gefallen sind. „Es gibt vieles in der Meteorologie, das noch nicht aufgearbeitet worden ist“, stellte Brandt fest. Zum Beispiel ist noch niemand wissenschaftlich der Frage nachgegangen, welchen Einfluss die Wettervorhersage auf den Ausgang der verschiedenen Kriege gehabt hat.

Zwei treffende Beispiele hatte Brandt direkt parat: „Der D-Day, die Invasion der Alliierten in der Normandie 1944, war nur möglich, da die deutschen Meteorologen ein Zwischenhoch über dem Atlantik nicht erkannt hatten.“ Russische Wetterdaten hätten sie entschlüsselt, doch an der Westfront fehlten zuverlässige Informationen. So blieb den Deutschen verborgen, dass das Wetter kurzfristig einen Angriff über den Ärmelkanal möglich machte.

Der eigentliche Aufhänger der Führung über den Weißen Stein war aber der Brite Lewis Fry Richardson, der im Ersten Weltkrieg die automatisierte Wettervorhersage begründete. „Damals war das noch nicht praktikabel, doch wir erstellen unsere Vorhersagen immer noch nach seinen Methoden“, erzählte Brandt. Richardson entwickelte ein Modell, in dem die Luftdruckunterschiede in verschiedenen Gebieten berechnet werden. Er stellte sich eine Halle vor, in der sehr viele Menschen sitzen und diese Aufgabe übernehmen sollten, die er in seinen Schriften bereits „Computer“ nannte. „Richardsons Thesen waren nicht praktikabel, da er die Entwicklung der Luftdrucke zu hoch eingeschätzt hat“, berichtet Brandt weiter. Doch die automatisierte Wettervorhersage arbeitet noch heute nach den gleichen Prinzipien.

Ein Blick von oben auf den Wetterpark: Die Anlage nebst Ausstellungshalle, in der Einblicke zum Thema Wetter und Klima geboten werden. Foto: donnerwetter.de/Wetterpark.

Ein Blick von oben auf den Wetterpark: Die Anlage nebst Ausstellungshalle, in der Einblicke zum Thema Wetter und Klima geboten werden. Foto: donnerwetter.de/Wetterpark.

Im Ersten Weltkrieg war Richardson mit seinen mathematischen Fähigkeiten gefragt, um der Kriegsmaschinerie zu helfen. Bereits 1916 verließ Richardson, der ein gläubiger Quäker war, die Armee und war als Krankenwagenfahrer im Krieg aktiv. Die Meteorologie gab er auf, als ihm klar wurde, dass seine neu entwickelten Methoden der Armee beim Einsatz von Giftgas helfen könnte, um die Windrichtung bestimmen zu können. Ab den Zwanziger Jahren widmete Richardson sich als Friedensforscher der mathematischen Erforschung der Entstehung von Kriegen. „Das war der erste naturwissenschaftliche Ansatz, Kriegsursachen zu erforschen“, war Brandt begeistert von der Weitsicht des Briten.

In der Zeit des Ersten Weltkrieges entwickelte sich auf die noch heute gebräuchliche Sprache der Wettervorhersage. „Wenn von Fronten die Rede ist, die auf ein Gebiet übergreifen, dann stammt das aus dem militärischen Sprachgebrauch“, erläuterte Brandt. Er nahm seine Gäste gern mit auf eine Zeitreise in die Umgebung des Weißen Steins. „Hier stolpert man Überreste aus dem Zweiten Weltkrieg“, erzählte er. Kenntnisreich erläuterte er die Überreste von Erdbunkern oder erzählte die Geschichte der Betonhöckerlinie, die bei ihrem Bau 1938 eine Zementknappheit im Deutschen Reich verursachte. Zum Abschluss der Rundwanderung wurden auch noch die Schanzenanlagen besichtigt, die im Tal zwischen Udenbreth und Brandts Wetterstation in der Spätphase des Zweiten Weltkrieges von Hitlerjungen und Jungschar angelegt werden mussten.

Stephan Everling/Trierischer Volksfreund

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